Alea Aquarius Wiki
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Im nächsten Augenblick fiel sie.

Und sie zog ihn mit.

Doch er hielt sich in letzter Sekunde am Gerüst fest. Mit der rechten Hand umklammerte er einen Stützpfosten, und an seiner linken hing sie mit ihrem vollen Gewicht. Panischer Schrecken durchfuhr sie. Unter ihren baumelnden Beinen klaffte der Abgrund. Mindestens zwanzig Meter ging es in die Tiefe, und zwischen ihr und dem sicheren Tod war nur seine Hand.

Kein Laut kam über ihre Lippen. Weder schrie sie noch hatte er irgendwelche dramatischen letzten Worte für sie. Die Situation war zu unwirklich. Zu ernst. Viel zu plötzlich standen sie ein weiteres Mal an der Schwelle des Todes.

Ein eiskaltes Gefühl schoss durch ihren Körper. War das ihr Ende? Würden sie hier und heute sterben?

Florenz

Lennox hielt Aleas Hand. Er hielt sie mit sorgsamer Sanftheit und doch mit einer Intensität, in der die ganze Kraft eines Oblivion-Beschützers lag. Beim kleinsten Anzeichen von Gefahr würde Lennox Alea unter Einsatz seines Lebens zu schützen versuchen, und das nicht nur, weil er ihr Krieger war. Sondern weil er sie liebte.

Der Gedanke zauberte ein Lächeln auf Aleas Gesicht.

»Ahoi!«, riss Lennox sie aus ihren Überlegungen. »Was auch immer du gerade denkst – denk ruhig öfter daran. Es bringt dich irgendwie zum Strahlen.«

Grinsend drückte Alea seine Hand. »Ich habe an dich gedacht«, sagte sie leise in der Meeressprache Hajara.

Lennox blieb stehen. Mitten auf dem überfüllten Bahnsteig wandte er sich ihr überrascht lächelnd zu, legte die Hand in ihren Nacken und zog sie zu sich heran. Ihre Lippen verschmolzen zu einem langen Kuss.

Als jemand sie anrempelte und auf Italienisch schimpfte, lösten sie sich lachend voneinander und spazierten weiter. »Unser Zug geht wie geplant in einer halben Stunde«, stellte Alea mit einem Blick auf die Anzeigetafel fest.

»Lass uns Ben Bescheid sagen, dass alles glattläuft«, schlug Lennox vor. Am frühen Morgen waren sie von Bord der Crucis gegangen und hatten sich von ihrem Skipper Ben mit dem Beiboot zum italienischen Festland übersetzen lassen. Dort waren Alea und Lennox in einen Bus gestiegen, und nun standen sie am trubelig-wimmeligen Hauptbahnhof von Florenz. Mit dem Fernzug würden sie von hier aus nach Rheinland-Pfalz fahren, denn in diesem Bundesland befand sich der sagenumwobene Felsen der Loreley. Dieser barg ein ganz besonderes Geheimnis und zudem eine unendlich große Hoffnung für Alea …

Schnell zog sie Lennox zu einer Mauer am Rand des Bahnsteigs, wandte den vielen Menschen den Rücken zu und holte ihr Handy heraus. Daran klebte ein glupschäugiger Skorpionfisch, dessen Maul sich wie ein Saugnapf an der Rückseite des Smartphones festgenuckelt hatte. Er war etwa toastgroß und sorgte dafür, dass niemand nachverfolgen konnte, wen Alea anrief oder was sie mit dem Handy schrieb.

Mit spitzen Fingern hielt Alea das Gerät am Rahmen fest, und Lennox schmunzelte. »Ich hab dir doch gesagt, du kannst den Fisch wie einen Griff benutzen. Es macht ihm nichts aus.«

»Na gut.« Vorsichtig umfasste Alea den Magischen mit der ganzen Hand. »Du musst es wissen, immerhin bist du der Herr der Skorpionfische.« Oblivionen waren in der Lage, Skorpionfische zu rufen und sie zu bitten, ihre magischen Tarnungskräfte für die Verhüllung eines Schiffes, ganzer Städte, kleinerer Gegenstände oder eben auch Bewegungen im Internet einzusetzen. Dabei reagierten die Fische aber nie auf Fragen oder andere Kommunikationsversuche, und Lennox hatte einmal gesagt, er wüsste nicht, ob sie überhaupt sprechen konnten. Dass es dem Fisch nichts ausmachte, angefasst zu werden, spürte er einfach.

Alea begann, eine Nachricht an Ben zu tippen, als eine Videoanruf-Benachrichtigung auf ihrem Bildschirm angezeigt wurde.

»Tess ruft an«, stellte Lennox fest, während Alea den Anruf schon annahm.

Sobald sich die Verbindung aufgebaut hatte, tauchten drei wohlvertraute Gesichter auf dem Display auf: das von Tess Taurus, Aleas bester Freundin und Kajütengefährtin, die sowohl Aleas Fels in der Brandung war als auch der klügste Mensch, den sie kannte. Außerdem das sommersprossige Lausbubengesicht von Samuel Draco, dem Bandenjüngsten, der wie ein kleiner Bruder für Alea war. In Wirklichkeit war Sammy aber der Bruder von Ben Libra, dem das dritte Gesicht auf dem Handybildschirm gehörte. Ben war ihr Kapitän und der einzige Volljährige an Bord der Crucis. Kein anderer verstand es wie er, stets die Ruhe zu bewahren und ihre Bande wie Pech und Schwefel zusammenzuhalten.

Alle drei winkten Alea und Lennox zu. »Hallöchen!«, rief Sammy und grinste mit seiner riesigen Zahnlücke. »Wie geht’s euch? Was ist inzwischen passiert? Habt ihr irgendwelche Abenteuer erlebt?«

Alea lachte. Sie hatten das Schiff erst vor drei Stunden verlassen. »Nee, noch nicht so richtige.«

Lennox grinste schief. »Das Aufregendste war bisher das Frühstück. Allerdings sind jetzt unsere letzten Euro weg.« Die Zugtickets hatten fast die komplette Bandenkasse der Alpha Cru verschlungen, und für weitere Wegzehrung hatten sie nun kein Geld mehr. Doch irgendwie würden sie auf dem Weg zur Loreley schon zurechtkommen.

»Ihr erlebt unterwegs garantiert noch sensationelle Abenteuer!« Sammy nickte, als wollte er sich selbst beipflichten. »Euer Ziel steckt dermaßen voller Abenteuerpotenzial, dass ihr mit einem Karton auf dem Kopf rumlaufen müsstet, um nichts Abenteuerliches zu erleben!«

»Alea und Lennox würden auch mit einem Karton auf dem Kopf noch Abenteuer erleben«, bemerkte Ben. »Da bin ich sicher.«

»Hmm …« Sammy schien darüber nachzudenken und zu einer Erkenntnis zu kommen. »Kartonabenteuer sind wahrscheinlich sogar die spannendsten Bestabenteuer, die man sich überhaupt vorstellen kann. Immerhin bleibt unter einem Karton ja alles extrem geheimnisvoll und ultimativ rätselhaft …«

Tess sah aus, als wollte sie Sammy eine Kopfnuss verpassen. Stattdessen seufzte sie aber nur schwer. Alea ahnte, wieso. Tess hatte sie eigentlich auf ihrer Reise begleiten wollen, denn die Loreley war gar nicht weit entfernt von Köln. Und in Köln lebte das Mädchen, in das Tess mit Haut und Haaren verliebt war: Kit. Kiara-Katharina – Kit – wohnte in einem Mehrgenerationen-Heim, dem Sonnenfleck, in dem auch Sammy und Bens Opa Ernst lebte, nur einen Katzensprung von der Loreley entfernt. Für ein drittes Ticket hatte das Geld allerdings nicht gereicht. Davon abgesehen würden sie keine Zeit für einen Abstecher nach Köln haben, denn sobald Alea und Lennox bei der Loreley ankamen, begann ihre Mission: Aleas Zwillingsschwester zu finden.

Anthea … Thea. Der Gedanke an ihre Schwester versetzte Alea augenblicklich in Hochspannung. Womöglich dauerte es gar nicht mehr lange, bis ihre Schwester und sie aufeinandertrafen und sich zum ersten Mal in den Armen lagen! Tess’ geknickte Miene holte Alea jedoch schnell wieder in die Wirklichkeit zurück.

»Ich bin ganz neidisch auf die vielen freien Tage, die ihr in Rom haben werdet«, versuchte Alea, Tess aufzuheitern. Tess, Ben und Sammy würden zu dritt nach Rom segeln, während Alea und Lennox auf der Suche nach Thea waren. Spätestens am 19. September wollten sich die fünf aber in Rom treffen, denn Alea hatte in einer Silberfadenvision vorausgesehen, dass ihr Erzfeind und größter Widersacher – Doktor Orion – an genau diesem Datum vor einem Kiosk in der Nähe des berühmten Kolosseums einen Espresso trinken würde. Der Plan war, dem Doktor an diesem Tag dort aufzulauern und ihn gefangen zu nehmen. Ben, Sammy und Tess hatten mehr als genug Zeit, den Kiosk aus der Vision zu finden, zu dritt Straßenmusik zu machen und sich von dem eingenommenen Geld noch sämtliche Sehenswürdigkeiten Roms anzusehen.

»Ja, Rom ist bestimmt super«, antwortete Tess mit ihrem leichten französischen Akzent. Während sie sprach, landete eine Möwe auf ihrer Schulter. Tante Hildegard war von Tess gesund gepflegt worden, nachdem sie sich den Flügel gebrochen hatte, und seitdem hatte die kleine Sturmmöwe das Schiff nicht mehr verlassen. Auf Tess’ Schulter schien sie sich pudelwohl zu fühlen, und Sammy hatte erst gestern gesagt, dass, sollte Tess jemals ein Denkmal errichtet werden, auf der Schulter der Statue bestimmt eine Möwe sitzen würde.

Tess streichelte Tante Hildegards Köpfchen und sagte: »Bis wir uns alle wiedersehen, wird es ohne euch an Bord ganz schön komisch sein.«»Jaaa!«, stöhnte Sammy. »Ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll! An wen soll ich mich nachts rankuscheln, wenn mir kalt ist? Wer zeigt mir neue Selbstverteidigungs-Moves? Und mit wem soll ich ein qualifiziertes Gespräch über Flusen führen?« Sammy liebte es, Leute in Gespräche über seine hingebungsvoll angelegte Flusensammlung zu verwickeln, und Alea ließ sich von allen Bandenmitgliedern am ehesten in eine solche Diskussion hineinziehen.

»Wenn du schmusen willst, komm zu mir«, bot Ben seinem Bruder an.

»Klaro!«, rief Sammy. »Ich beschmuse dich ja auch schon wie blöd. Aber meinen spektakulösen Kuschelbedarf kannst du allein eben einfach nicht decken!«

Ben seufzte, und Tess war plötzlich vollauf damit beschäftigt, Tante Hildegards Federn zu zählen – oder was auch immer sie da gerade tat. Hauptsache war wohl, dass sie nicht kuscheln musste. Tess war einfach kein Knuddeltyp.»Wenn wir wieder zurück sind, wird wie verrückt geschmust«, versprach Alea dem kleinen Kuschelkönig. »Ich werde dich so doll beschmusen, dass du kaum noch Luft bekommst.«

Sammy machte eine zufriedene Handbewegung. »Wunderbärchen. Dann hätten wir das ja geklärt.« Er richtete die Handykamera nach unten auf die Decksplanken. »Sagt meinem Schatz Hallo!« Ein freundliches Robbengesicht erschien auf dem Display. Sammys Robbe trug den Namen Fussel und lebte wie ein Haushund auf der Crucis.

»Hallo, Fussel!«, grüßten Alea und Lennox wie aus einem Mund.

Die Nase der Robbe wurde immer größer, als das Tier nun am Handy schnüffelte. Dabei hinterließ es einen rotzig-feuchten Spuckestreifen auf der Kamera. Tess motzte auf Französisch, schnappte sich ihr Handy und wischte daran herum.»Ich glaube, Lennox und ich sollten jetzt zum Zug gehen«, sagte Alea. »Wir können ja morgen wieder telefonieren.« Sie winkte den anderen zum Abschied, als die nach der Wischaktion wieder auf dem Bildschirm erschienen. »Ich hab euch lieb, ihr komischen Vögel!«

»Wir dich auch, Schneewittchen!«, krähte Sammy und knutschte das soeben gesäuberte Handy ab.

Das brachte ihm nun doch eine Kopfnuss von Tess ein, die ihr Handy daraufhin beschützerisch an ihre Brust drückte. »Bis Morgen«, hörten sie sie noch sagen, dann war der Videoanruf vorbei.

»Die drei werden mir fehlen«, seufzte Alea. »Nein, die fünf! Tante Hildegard und Fussel natürlich auch.«

Lennox zog sie nah an sich heran, streichelte ihre Wange mit seiner und küsste sie auf die Schläfe. Er musste gar nichts sagen. Alea war alles andere als allein, denn er war bei ihr. Sie würden dieses Abenteuer zu zweit bestehen, und obwohl Alea die anderen Cru-Mitglieder vermissen würde, freute sie sich auch sehr darauf, Lennox eine Zeit lang ganz für sich zu haben.

Mit aller Sorgfalt steckte sie das Smartphone samt Skorpionfisch zurück in ihren schwer beladenen Rucksack, der eigentlich Ben gehörte und den er ihr geliehen hatte. Anschließend machte sie sich Hand in Hand mit Lennox auf den Weg zu ihrem Gleis, und wenig später fuhr ihr Zug in den Bahnhof ein. Schnell hatten sie einen ruhigen Zweiersitz gefunden. Während Lennox ihre Rucksäcke und seine schwarze Gitarre auf der Gepäckablage verstaute, blickte Alea aufgeregt aus dem Fenster. Die Reise begann. Wie würde sie enden? Welche Hindernisse würden sie überwinden müssen?

Unwillkürlich legte Alea die Hand auf ihren Bauch. Unter ihrem weiten T-Shirt trug sie eine Bauchtasche, in der sich ihre kostbarsten Besitztümer befanden: zum einen die beiden gut verpackten Silberfäden, mit denen man kurze Visionen aus der Zukunft sehen konnte. Zum anderen der Goldumhang, der Alea vom Volk der Schweige-Schamire geschenkt worden war und mit dem man die Vergangenheit sehen konnte. Flach gefaltet, trug sie das seidenweiche Gewand in der Tasche nun immer ganz nah bei sich, damit es ihr nicht gestohlen werden konnte wie der Silberumhang, den die Nixe Mura ihr vor Kurzem hinterrücks entrissen hatte.

Sammy war alles andere als begeistert gewesen, als Alea ihm eröffnet hatte, dass sie ihre magischen Schätze mitnehmen wollte. Die mythologische Bedeutung seines Bandennamens Draco besagte nämlich, dass er der »Wächter des Schatzes« war. Darüber hinaus war Sammy sogar von niemand Geringerem als dem König der Schweige-Schamire damit beauftragt worden, auf den Goldumhang aufzupassen. Alea war sich allerdings sicher, dass ihr die Silberfäden und der Umhang bei der Suche nach Thea helfen konnten, und letztlich hatte Sammy das eingesehen.

Der dritte Gegenstand in Aleas Bauchtasche war ein kleines Fläschchen, das ihre Mutter Nelani ihr geschenkt hatte. Darin befand sich etwas unfassbar Wertvolles – ein DNA-Rückwandler, der Alea wieder zu einem Meermädchen machen konnte. Doktor Orion hatte sie vor einigen Wochen durch eine Spritze in eine Landgängerin verwandelt, und Alea war all ihrer Meermenschen-Attribute beraubt worden. Ihre Mutter hatte jedoch ein Mittel entwickelt, mit dem die Umwandlung rückgängig gemacht werden konnte. Alea brauchte lediglich einen Tropfen vom Blut ihrer Zwillingsschwester, denn Thea war so etwas wie ihre genetische Kopie – sie teilten sich dieselbe DNA. Sobald sich Theas Blutstropfen mit dem Rückwandler vermischte und Alea die Flüssigkeit trank, würde sie wieder in ihren Urzustand zurückversetzt werden.

Bei dieser Vorstellung schlug Aleas Herz wie wild in ihrer Brust. Sie vermisste es so sehr, durch die Tiefen zu tauchen und unter Wasser atmen zu können! Doch wenn sie an die bevorstehende Reise dachte, war es nicht allein die Aussicht darauf, wieder zum Meermädchen zu werden, die in ihrem Inneren alles voller Vorfreude durcheinandertanzen ließ. Es war vor allem Thea. Alea verspürte eine solche Sehnsucht nach ihrer Schwester, dass sie es manchmal kaum aushalten konnte und sich immer wieder in Fantasien über den Augenblick verlor, in dem sie einander finden und in die Arme schließen würden. Allerdings würde sie Thea in einem solchen Moment wohl zuerst sehr viel erklären müssen, denn Thea ahnte wahrscheinlich noch nicht einmal, dass sie eine Zwillingsschwester hatte! Der Einzige, der ihr das hätte erzählen können, war der Nixenprinz Cassaras. Er wusste über die Schwestern Bescheid, hatte Thea aber gewiss nichts verraten. Cassaras hatte es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, Thea vor ihrem Ziehvater Doktor Orion zu beschützen, und der war nun einmal hinter Alea und der Alpha Cru her. Wenn die Zwillingsschwestern zusammenkämen, würde Thea in noch viel größerer Gefahr schweben als zuvor. Das war es zumindest, was der Nixenprinz befürchtet und wovor er sie gewarnt hatte. Doch mittlerweile hatte die Alpha Cru Doktor Orion und seine Leute abgehängt, und ein Schwesterntreffen würde Thea nicht mehr automatisch auf Orions Radar erscheinen lassen.

Im Geiste ging Alea nun die Zeichen durch, mit denen sie Thea alles über sie beide und ihre Familie erzählen wollte. Sie würde dazu Gebärdensprache benutzen, weil Thea durch einen Unfall im Kleinkindalter ihr Gehör verloren hatte. Inzwischen hatte Lennox alle Gepäckstücke verstaut und setzte sich neben Alea. »Jetzt denkst du nicht an mich, oder?«

»Nein, an Thea.« Alea zog den vierten Gegenstand aus ihrer Bauchtasche hervor – einen magischen Fotostein, auf dem Thea und sie als Babys zu sehen waren. Behutsam strich Alea über die aus dem Stein hervortretenden Gesichter der kleinen Zwillinge. »Was, wenn wir Thea nicht finden?«

»Wir werden sie finden«, entgegnete Lennox zuversichtlich und legte den Arm um Aleas Schultern.

»Vielleicht ist sie ja gar nicht an der Loreley.« Aleas Blick war starr auf den Fotostein gerichtet, als könnte der ihr verraten, ob sich ihre Schwester wirklich dort aufhielt. »Es liegt zwar nahe, weil Thea in ihren SMS über die Loreley geschrieben hat. Aber vielleicht ist die Schlussfolgerung, dass sie dorthin wollte, gar nicht richtig.« Alea und Thea waren sich seit ihrer Trennung vor elf Jahren nicht mehr begegnet, aber vor ein paar Wochen hatte Thea eine Flaschenpost von Alea gefunden und darauf geantwortet. In den folgenden Wochen hatten sie sich angefreundet und einander fast jeden Tag geschrieben, ihre Erlebnisse geteilt und Geheimnisse ausgetauscht. Dabei hatten beide nicht die geringste Ahnung gehabt, dass sie Schwestern waren, denn das war erst herausgekommen, nachdem sie nicht mehr miteinander Kontakt hatten aufnehmen können.

»Was hat Thea noch mal über die Loreley geschrieben?«, hakte Lennox nach.

Alea hätte am liebsten nachgesehen, aber das ging nicht, denn Thea hatte die meisten ihrer SMS später wieder gelöscht, damit sie nicht von Doktor Orion aufgespürt werden konnten. Allerdings erinnerte sich Alea gut. »Thea hat tierisch viele Bücher über die Loreley gelesen, weil sie total fasziniert von der Sage ist«, antwortete sie. Es gab unzählige Geschichten über die geheimnisvolle Frau, die der Legende nach tagein, tagaus auf dem Felsen über dem Rhein gesessen, traurige Lieder gesungen und durch ihre Schönheit und ihre Stimme Hunderte von Matrosen in ihren Bann gezogen hatte, sodass deren Schiffe am Felsen zerschellt und untergegangen waren. »In einer SMS hat Thea vermutet, dass es die Loreley wirklich gegeben hat und dass sie eine Nixe war, die man dazu verflucht hatte, in Menschengestalt zu leben«, sprach Alea weiter. »In einem von Theas Büchern hat wohl außerdem gestanden, dass die Loreley noch heute unterhalb des Felsens am Grunde des Rheins lebt und dort in ihrer Laube das Schicksal der Toten verwaltet.«

»Und weil Thea annimmt, dass das wirklich so ist, wollte sie zur Loreley, um in dieser Laube mit ihren Eltern zu reden«, sortierte Lennox die Hinweise. »Thea denkt ja, dass sie ein Waisenkind ist und dass ihre Eltern durch den Wasservirus gestorben sind. Bestimmt hat sie große Sehnsucht nach ihnen, und die Aussicht darauf, am Grunde des Rheins ihre toten Eltern zu treffen und mit ihnen zu sprechen, ist für sie garantiert eine riesige Hoffnung.«Alea starrte auf die lachenden Baby-Zwillinge. »Und dabei sind sowohl unser Vater als auch unsere Mutter noch am Leben! Wenn Nelani Keblarr in Island findet, können wir vielleicht sogar alle vier wieder zusammen sein.« Nelani war derzeit auf der Suche nach ihrem verschollenen Mann, Aleas und Theas Vater Keblarr, und Alea hoffte inständig, dass sie ihn finden würde.

»Das wäre ein richtiges Märchenende für diese Geschichte«, bemerkte Lennox.

»Ja.« Alea tat einen geräuschvollen Atemzug und blickte von dem Fotostein auf zu Lennox. »Du glaubst also auch, dass Thea zur Loreley wollte?«

»Ja.« Lennox fuhr sich durch das dunkle Haar, das ihm tief in die Stirn hing. »Thea ist allerdings schon letzte Woche dort angekommen, richtig?«

Das musste Alea bejahen. »Thea hat mir vor genau einer Woche geschrieben, dass sie am Ort ihrer Träume angelangt ist. Falls es die Nixen-Loreley und ihren Raum der Ahnen wirklich gibt, war Thea in der Zwischenzeit bestimmt längst dort und …«

»… hat eine herbe Enttäuschung erlebt«, beendete Lennox den Satz. »Denn quicklebendige Eltern können nicht aus dem Jenseits mit dir reden. In der Laube ist also wahrscheinlich niemand aufgetaucht.«

Wenn es so gewesen war, tat es Alea furchtbar leid, dass Thea womöglich das Gefühl gehabt hatte, ihre verstorbenen Eltern wollten nicht mit ihr sprechen. »Die Frage ist jetzt, ob Thea und Cassaras weitergezogen sind oder ob sie sich aus irgendeinem Grund entschlossen haben, dort zu bleiben.«

»Und falls sie weitergezogen sind: wohin?« Grübelnd knackte Lennox mit den Fingerknochen, dann sagte er: »Mach dir keine Sorgen. Das bekommen wir schon heraus.«»Ja, immerhin bist du ein Oblivion.« Lennox hatte als Oblivion viele Gaben und konnte nicht nur Skorpionfische rufen. Er war auch in der Lage, Landgängern das Gedächtnis zu nehmen, indem er ihnen tief in die Augen blickte und ihnen befahl, etwas Bestimmtes zu vergessen. Obendrein war er für Landgänger regelrecht unsichtbar, wenn nicht jemand auf seine Anwesenheit hinwies oder er sich selbst bemerkbar machte.

»Die Fähigkeiten der Oblivionen sind allerdings nicht unbedingt fürs Leutesuchen gemacht«, gab Lennox zu bedenken. »In der Meerwelt waren eher die Darkoner die Experten fürs Spurenlesen, oder?«

»Stimmt«, räumte Alea ein. Sie kannten zwar noch immer nicht alle Meermenschenstämme, aber über die Darkoner hatten sie bereits einiges herausbekommen: Dieses Volk war so etwas wie die Polizei der Meerwelt und darauf spezialisiert gewesen, Gretzer aufzuspüren, bevor diese ihren Giftmüll im Wasser abladen konnten. »Du bist als Oblivion eher ein Beschützer als ein Spurenleser, aber hat meine Mutter nicht gesagt, dass sich Oblivionen und Darkoner sehr ähnlich sind und deswegen oft zusammengearbeitet haben?«

»Die beiden Stämme scheinen eng miteinander verwandt zu sein.« Lennox nickte. »Ich werde tun, was ich kann, um Thea zu finden. Aber ich bin kein Darkoner.«

Liebevoll lächelte Alea ihn an, denn sie wollte gar nicht, dass er irgendetwas anderes war.

Lennox schien zu verstehen und lächelte zurück. Dann kramte er in der Tasche seiner Jeans und zog seinen eigenen magischen Fotostein hervor, den er stets wie einen Talisman bei sich trug. Darauf war seine Mutter Xenia zu erkennen, die zu den Abertausenden gehörte, die an dem Virus gestorben waren. Lennox’ Lächeln erlosch und machte einem traurigen Stirnrunzeln Platz.

Alea wurde bewusst, was in ihm vorgehen musste, und plötzlich ärgerte sie sich über sich selbst. Warum sprach sie nur ständig davon, wie sehr sie sich auf Thea freute und dass ihre ganze Familie vielleicht schon bald wieder vereint sein würde, während Lennox ganz allein dastand? In Rach Turana war ihnen eine Botschaft von Lennox’ Mutter vorgespielt worden, in der diese deutlich gesagt hatte, dass außer ihr bereits sämtliche Angehörige ihres Clans tot waren. Xenia selbst war damals bereits infiziert und von dem Virus schwer gezeichnet gewesen, was vermuten ließ, dass sie kurz nach der Aufzeichnung der Botschaft gestorben war.

Alea steckte ihren Fotostein zurück in die Bauchtasche und nahm Lennox in den Arm. Eine Zeit lang hielten sie einander einfach nur fest, dann blickten sie aus dem Fenster. Der Zug rauschte inzwischen mit Höchstgeschwindigkeit durch Italien, und Deutschland kam immer näher. Alea legte die Hand auf ihr klopfendes Herz und dachte den Gedanken von vorhin weiter.

Eine neue Etappe begann. Alles war möglich. Im Gemenge der zukünftigen Begebenheiten existierten ebenso viele Möglichkeiten für Niederlagen wie für Erfolge. Doch wenn Alea in diesem Sommer eines gelernt hatte, dann, dass sie den Gang der Dinge maßgeblich beeinflussen konnte. Er hing nicht von irgendwelchen Zufällen ab, sondern in erster Linie von ihrem Mut, ihrer Entschlossenheit und vor allem von ihrem Glauben an sich selbst. Und den hatte sie. Sie war die Elvarion der letzten Generation, und sie hatte vor, ihr Schicksal zu erfüllen, gleichgültig, welche Hindernisse sich ihr dabei auch in den Weg stellen würden.

Wilma Wanderer

Eine Zeit lang schauten Alea und Lennox durch die große Fensterscheibe des Zuges, Italien flog an ihnen vorbei und ein paar Stunden später fuhren sie mitten durch die Schweizer Alpen. Sie sprachen nicht viel, saßen nur eng beieinander und ließen die Zukunft auf sich zukommen. Schließlich richtete sich Lennox jedoch auf und griff in die Innentasche seiner schwarzen Lederjacke. »Ich hab eine Überraschung für dich«, sagte er und zog zwei große Muscheln hervor. »Die hab ich in der Bucht von Capraia gefunden.«

Verwundert hob Alea die Augenbrauen. »Das hab ich gar nicht mitgekriegt!« Und dabei waren sie in der Bucht sehr eng miteinander gewesen. Innig. Wenn sie an die meeresleuchtenden, romantischen Momente auf Capraia dachte, wurde Alea ganz warm, und sie hatte das Gefühl, dass in ihrem Bauch hundert Schmetterlinge gleichzeitig aufstoben. »Willst du gucken, ob in den Muscheln Bücher sind?«, fragte sie. Die Meermenschen hatten natürlich keine Bücher aus Papier besessen – ihre Bücher befanden sich in Muscheln.

»Ja, lass uns mal nachsehen.« Lennox holte eine Flasche aus seinem Rucksack und gab etwas Wasser in das Innere der ersten Muschel, die flach auf seinem Handteller lag. Langsam fuhr er mit dem Finger um den Rand herum. Wenn sich in der Muschel ein Buch verbarg, würde Schrift im Wasser erscheinen.

Alea beugte sich vor, konnte in der Muschel aber nichts entdecken. Allerdings war sie eben kein Meermädchen mehr, und für Landgänger waren Meerbücher unsichtbar.

Lennox schien in der Muschel auch nichts zu erkennen. »Also entweder war da nie ein Buch drin, oder es ist verloren gegangen.« Im Salzwasser verblassten Meerbücher mit der Zeit. »Probieren wir mal die andere.« Lennox goss das Wasser aus der ersten Muschel in die zweite. Zum Glück saßen in ihrer Nähe keine anderen Passagiere, die neugierig hätten werden können. »Da!«, entfuhr es Lennox. »Diese ist ein Buch!«

Angestrengt starrte Alea auf das Wasser in der Muschel und sah … nichts. Diskrimisophierung!, dachte sie frustriert und fand Sammys Wortschöpfung passender denn je. Sie fühlte sich tatsächlich ein wenig gekränkt. Warum konnte sie die Silberfäden und den Goldumhang benutzen, aber diese simple Muschel nicht lesen? Das würde ihr wohl niemand erklären können. Durch Doktor Orions Manipulation ihrer DNA war Alea nun ein seltsames Zwischenwesen, zugleich eine meerbuchblinde Landgängerin und jemand, der Zugang zur größten Magie der Ozeane besaß.

Lennox schien ihre Gedanken zu erraten. »Mach dir nichts draus. Die Meerschrift in Muscheln ist ja extra geschützt.«

Alea brummte: »Ja, die Schrift soll von Landgängern gar nicht erst bemerkt werden, ich weiß.«

Aufmunternd lächelte Lennox ihr zu.

»Was ist es für ein Buch?«, fragte Alea.

Lennox’ Augen verengten sich, und er versuchte, die Schrift zu entziffern. »Die Abenteuer der …« Er stockte. »Oh Mann.« Lennox hatte selbst Probleme, die geschützte Schrift zu lesen. Das war schon immer so gewesen, und sie vermuteten, dass es an seiner Landgängerseite lag. Schließlich war Lennox nur zur Hälfte ein Meerjunge.

Er beugte sich so tief über die Muschel, dass seine Nasenspitze beinahe das Wasser berührte. »Die Abenteuer der kleinen Wilma Wanderer«, las er vor und kratzte sich am Kopf. »Irgendwo hab ich diesen Titel schon mal gelesen …« Er überlegte und rief: »In der Bibliothek von Rach Turana! Da stand Wilma Wanderer bei den Erzählungen.«

»Richtig.« Alea erinnerte sich auch.

Lennox hing mit der Nase über der Muschel. »Erstes Kapitel. Der Trip nach … nein, Der Trosk nach …« Er brach ab. »Mist, das ist zu schwierig. Wir müssen uns was anderes einfallen lassen.« Stöhnend lehnte er den Kopf zurück. »Elvarion, schalte den Hirn-Turbo ein!«

Alea lachte. »Ich kann es ja mal versuchen.« Der Elvarion-Modus war eine Art Klargeisteffekt, der sich eigentlich nur in Notlagen einstellte. Ein paar Mal war er allerdings auch schon in wichtigen Besprechungen über Alea gekommen, und in seltenen Fällen hatte sie ihn ganz bewusst heraufbeschworen. »Warte mal.« Alea schloss die Augen und bat ihre innere Elvarion-Stärke, ihr eine Lösung für das Leseproblem zu zeigen. Schlagartig fiel ihr etwas ein. »Du musst mir die Muschel schenken!«, rief sie. »Weißt du noch? Meine Mutter hat uns mal erzählt, dass magische Gegenstände von Landgängern benutzt werden können, wenn sie das Geschenk eines Meermenschen sind.«

»Aber ich bin nur ein halber Meerjunge …«, entgegnete Lennox, und Alea konnte ihm anhören, wie sehr diese Tatsache an ihm nagte.

»Versuch es trotzdem mal.«

Achselzuckend hielt Lennox ihr die Muschel hin und sagte: »Dies ist mein Geschenk für dich.«

Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete im Inneren der Muschel etwas auf.

Elektrisiert wechselten Alea und Lennox einen Blick. Alea nahm die Muschel entgegen und schaute neugierig hinein. »Ja!«, entfuhr es ihr. »Es hat geklappt!« Auf dem Wasser in der Muschel erkannte sie Schriftzeichen in Hajara – das Buch hatte sich ihr geöffnet!

Lennox pfiff durch die Zähne. »Sehr gut, dann kannst du mir Wilma Wanderers Abenteuer vorlesen.«

Obgleich Alea kein Meermädchen mehr war, hatte sie ihre Fähigkeit, Hajara zu sprechen, mittlerweile wiedererlangt. Dafür war sie dem König der Schweige-Schamire noch immer zutiefst dankbar. »Gut, finden wir heraus, ob irgendwelche Abenteuer mit Karton auf dem Kopf dabei sind!«, stimmte Alea kichernd zu und begann zu lesen. »Erstes Kapitel. Der Trosk nach Vendorra.« Die Hauptfigur des Buches schien einem der Wandererstämme anzugehören, und wenn diese ihre Wale, Lachse oder Thunfische bei deren langen Wanderungen begleiteten, nannte man die Tour Trosk. »Vendorra ist eine Stadt, oder?«, fragte Lennox. »Haben wir von der nicht schon mal gehört?«

Alea kramte in ihrem Gedächtnis. »Vendorra ist eine uralte, versunkene Landgängerstadt, die unter einer riesigen Glaskuppel liegt.«

»Klingt gut. Machen wir es uns gemütlich.« Lennox setzte sich quer auf den Zweiersitz und umarmte Alea von hinten. Sie nahm die Beine hoch, schmiegte sich an ihn und las ihm vor. Die Schrift in der Muschel lief in genau der Geschwindigkeit vor ihren Augen ab, die sie zum Lesen brauchte. Meerbücher waren wahrhaft magisch.

In der Geschichte ging es um die kleine Walwanderin Wilma, die auf dem Weg zu der sagenumwobenen, untergegangenen Landgängerstadt Vendorra wilde Abenteuer mit ihren Walen erlebte. Die Beschreibungen der Tiere und Wilmas kompromisslose Liebe zu ihnen rührte Alea. Was täte sie nicht dafür, selbst auf Trosk gehen zu können und dabei ihre Schwester oder sogar ihre ganze Familie an ihrer Seite zu haben …

Insgesamt waren die Informationen über die Meerwelt im Buch eher mager und die Fantasie sehr ausgeprägt. Wilma begegnete lesenden Fischen, traurigen Algen und bösen Wasserschlingpflanzen. Besser als die überdrehten Abenteuer ohne Karton gefiel Alea die Liebesgeschichte von Wilmas großer Schwester Corlandra. Diese versuchte, ihren Auserwählten mit großen Gesten und Heldinnentaten zu erobern und nannte ihn stets hingebungsvoll Yavani, was offenbar ein uralter Hajara-Ausdruck war und »Meine ewige Liebe« bedeutete.

Sie hatten schon beinahe das ganze Buch gelesen, als der Zug in einem großen Bahnhof hielt und es im Abteil voll wurde. Kurzerhand trank Alea das Lese-Wasser der Muschel aus und steckte sie weg. »Wir können ja später weiterlesen.«

Lennox antwortete: »Das machen wir, Yavani.« Er strich ihr übers Haar und grinste derart süß, dass Alea sich nicht genierte zu erwidern: »Und zwar gerne … Yavani.«

Sie konnte in seinen Augen sehen, wie glücklich ihn ihre Wiederholung des Wortes machte. Überschwänglich küssten sie sich. Aleas Hand vergrub sich in Lennox’ Haar und wuschelte es durcheinander, und Lennox zog sie näher an sich heran. Da hörte sie, wie sich jemand räusperte. Alea blickte sich um. Ein Mann, der sich auf der anderen Seite des Gangs niedergelassen hatte, schaute sie missbilligend an.

Alea warf die Hände in die Luft und rief entschuldigend: »Amore!«

Das brachte den Mann zum Schmunzeln. Alea lächelte ihn an und wandte sich wieder Lennox zu. »Der Mann sieht dich anscheinend.« Sie vermuteten mittlerweile, dass Lennox immer von Landgängern gesehen wurde, wenn er sie küsste oder ihre Hand hielt. »Dann kannst du jetzt mal als Sichtschutz fungieren. Ich würde gern nachschauen, ob es in der Meerkinder-Chatgruppe etwas Neues gibt.« Während sie sprach, holte sie ihr Smartphone aus dem Rucksack, und Lennox setzte sich so hin, dass der Mann von gegenüber den Skorpionfisch nicht sehen konnte.

»Gucken wir mal«, murmelte Alea und öffnete den Chat. Die Meerkinder, die ebenso wie sie an Land aufgewachsen waren und ihr ganzes bisheriges Leben lang nicht geahnt hatten, dass sie aus dem Meer stammten, waren seit ein paar Tagen über die Chatgruppe in regem Austausch miteinander. Zwar kamen sie alle aus verschiedenen Ländern und waren mit den unterschiedlichsten Sprachen aufgewachsen, aber jeder und jede von ihnen konnte Hajara. Die Meeressprache war wohl so etwas wie ein Geschenk, das jedes Meerkind bei der Geburt erhielt. In der Chatgruppe überwogen dadurch Sprachbeiträge, nur hin und wieder gab es schriftliche Nachrichten, die dann meist in Englisch verfasst waren.

Zuerst hatten die Meerkinder natürlich wissen wollen, warum Alea und Lennox sich so lange nicht bei ihnen gemeldet hatten. Seit der ersten Videokonferenz waren Wochen vergangen! Lennox und Alea hatten ihnen alles erzählt – von Doktor Orions Überfall in Brighton, von Aleas Umwandlung in eine Landgängerin und von ihrem anschließenden Gedächtnisverlust. Lennox hatte darauf bestanden, den anderen selbst davon zu berichten, dass er es gewesen war, der der Cru die Erinnerung genommen hatte. Ihm war dabei deutlich anzumerken gewesen, wie unendlich leid ihm das tat. Dabei hatte Doktor Orion ihn dazu gezwungen, und niemand war ihm böse! Alea hatte Lennox das sogar innerhalb des Chats gesagt, und die anderen Meerkinder waren ihr zur Seite gesprungen und hatten versucht, ihn aufzubauen. Es schien, als bestünde zwischen ihnen ein starkes Band, und wenn es einem von ihnen schlecht ging, fingen die anderen ihn auf.

So war es auch mit Zuzana gewesen. Zuzana aus Tschechien war eine Anschu. Sie hatte sich in Yasin verliebt, einen Meerjungen, der ebenfalls ein Anschu war. Beide hatten grünliche, schuppige Haut, die schon von unzähligen Hautärzten untersucht worden war. Aleas Mutter hatte allerdings erklärt, dass die Haut der Anschu nur an Land aussähe, als litte jemand an einer ungewöhnlichen Form von Neurodermitis. Unter Wasser verwandelten sich die Schuppen und Narben in wunderschöne, blumenrankenartige Muster. Als Alea Zuzana dies erzählt hatte, war ihre Reaktion enorm berührend gewesen. »Unter Wasser bin ich schön?«, hatte Zuzana erstickt gefragt, und innerhalb von wenigen Minuten waren im Chat Dutzende von Herzchen an sie geschickt worden. Doch Yasin hatte die schönste Erwiderung für Zuzana gehabt: »Schön bist du schon jetzt.«

Innerhalb dieser wenigen Tage hatte es bereits mehrere solcher Augenblicke gegeben, in denen Alea unendlich dankbar dafür war, dass sie schon so viele Meerkinder gefunden hatten und diese sich gegenseitig Halt gaben. Sie selbst konnte zudem viele Antworten auf die Fragen der anderen beisteuern, und oft nahm sie ihnen damit Unsicherheiten oder schenkte ihnen Hoffnung – die Hoffnung darauf, irgendwann wieder dort leben zu können, wo sie geboren worden waren. Sie durften nicht aufhören, daran zu glauben, dass sie eines Tages ins Wasser zurückkehren und die Meerwelt neu auferstehen lassen würden. Das war noch immer Aleas großer Traum, und sie träumte ihn so unglaublich gerne.

Am heutigen Vormittag war es im Chat vor allem um Thea gegangen und darum, dass Alea sich mit Lennox auf die Suche nach ihr machte.

»Siska hat eine Sprachnachricht geschickt!«, stellte Alea fest. Siska war eine Darkonerin und eine der fleißigsten Teilnehmerinnen in der Gruppe. Gespannt hielt Alea ihr Handy samt Fisch auf Ohrenhöhe zwischen sich und Lennox und ließ die Nachricht leise ablaufen.

»Hier Siska«, meldete sich das Darkonermädchen. »Alea, Lennox, seid ihr schon auf dem Weg zur Loreley? Was habt ihr eigentlich vor, wenn ihr dort ankommt? Bitte erzählt uns alles ganz genau. Wenn ich ein paar Eckdaten habe, kann ich vielleicht eine Strategie für euch entwickeln.«

»Eine Strategie?« Aleas Augen wurden groß, als ihr klar wurde, dass sie bisher etwas außer Acht gelassen hatten – etwas, das womöglich entscheidend für ihre Suche sein konnte! »Siska ist eine Darkonerin – die geborene Fährtenleserin!« Mit einem Mal war sie ganz hibbelig. »Bestimmt kann sie uns helfen!«

Lennox’ Gesichtsausdruck schwankte zwischen Verwunderung und plötzlicher Aufregung. Währenddessen sprach Siska in der Voice-Message schon weiter. »Sagt uns, was ihr wisst, ja? Dann setz ich mich sofort dran und arbeite was für euch aus. Adeus

Da hatte Alea eine Idee. »Was, wenn Siska nicht bloß daheim eine Strategie für die Suche nach Thea entwickeln würde, sondern zu uns käme?«

Lennox legte den Kopf schief. »Du willst sie bitten, zur Loreley zu kommen?«

»Ginge das?« Während sie sprach, wurde Alea unsicher. »Ich sollte niemanden anstiften, die Schule zu schwänzen.« Davon abgesehen war sie doch eigentlich froh gewesen, eine Zeit lang allein mit Lennox unterwegs zu sein. Andererseits war es wichtiger, Thea zu finden, und Siska war die Idealbesetzung für den Job der Spurensucherin.

»Siska könnte mit ihren Fähigkeiten unendlich wertvoll sein.« Abwägend wiegte Lennox den Kopf. »Es wäre dumm, das wegen ein paar verpasster Tage Schule zu ignorieren.«

Alea begann zu lächeln. »Ben sagt immer, er folgt nur den Regeln, die Sinn ergeben.«

»Und dass Siska in einem Sommer wie diesem, in dem sich das Schicksal der Welt entscheidet, brav in der Schule rumhockt, ist doch bescheuert!«, gab Lennox grinsend zurück.

»Na ja, sie hat nicht nur brav in der Schule gesessen«, wandte Alea ein. Immerhin war Siska eines der Meerkinder, die sich vor ein paar Wochen auf den Weg zum Loch Ness nach Rach Turana gemacht hatten, nachdem Alea sich nicht mehr bei ihnen gemeldet hatte. Dort hatten die Meerkinder die weise Artama informiert, dass Alea verschwunden war, und die Kendarerin hatte die Schweige-Schamire gebeten, Alea zu suchen und ihr den goldenen Umhang der Vergangenheit zu überlassen. Siska hatte also sehr viel mehr getan, als nur herumzusitzen. Allerdings war das Darkonermädchen inzwischen wieder zu Hause in Portugal bei ihren Landgänger-Adoptiveltern und lebte ein ganz normales Schülerinnenleben.

»Ich frage sie einfach.« Ohne zu zögern, rief Alea Siska an. Die hatte zum Glück gerade Pause. »Unah!«, grüßte Alea sie auf Hajara. Hallo. »Danke für deinen Vorschlag. Lennox und ich haben uns gefragt, wie genau du uns helfen könntest.«

»Ihr gebt mir alle Informationen, die ihr habt, und ich passe die Ermittlungsmethodik den individuellen Kriterien eurer Suche an.« Siska sprach schnell und konzentriert. »Daraus könnte ich einen detaillierten Plan für eure Nachforschungen erstellen.«

»Oh. Aha. Und den würdest du uns schicken?« Alea hörte selbst, wie viel Ungesagtes in dieser Frage mitschwang.

Am anderen Ende der Leitung herrschte auf einmal Stille.

»Siska?«

»Ich habe ein Sabbatjahr beantragt«, sagte Siska.

»Ein was?«

»Man kann ein Jahr Pause von der Schule machen, wusstest du das nicht?«

»Äh, nein. Das wusste ich nicht.«

»Jedenfalls habe ich den Antrag schon vor ein paar Wochen eingereicht«, fuhr Siska fort. »Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich bei euch dringender gebraucht werde als hier.« Siska hatte verstanden, worauf Alea mit ihrer Frage hinausgewollt hatte! Und sie war tatsächlich schon darauf vorbereitet und hatte vorsorglich ein Sabbatjahrbeantragt!

Verblüfft sahen Alea und Lennox einander an.

»Damit könntest du recht haben«, bestätigte Alea dem Darkonermädchen. »Ehrlich gesagt, wäre es toll, wenn du zur Loreley kommen könntest.«

»Ich dachte schon, du fragst nie!«, rief Siska, und es war nicht zu überhören, wie sehr sie sich freute. »Alles klar. Ich setze mich noch heute in den Zug. In zwei Tagen bin ich da.« Es klang, als hätte sie sich die Zugverbindungen bereits herausgesucht.

Alea war froh und beeindruckt zugleich. »Du bist echt der Hammer, Siska!«

»Wenn es um was Wichtiges geht, laufe ich zur Höchstform auf.« Die Darkonerin schien komplett in ihrem Element zu sein. »Was genau wisst ihr über Theas Ziel? Gibt es weitere Hinweise auf Dinge oder Orte in der Nähe, die sie interessiert haben könnten?«

Alea bemühte sich nun, Siska alles zu erzählen, was sie wusste.

»Gut. Daraus lässt sich was machen.« Siskas Atem ging stoßweise. Rannte sie gerade? Möglicherweise nach Hause, um schnell ihre Sachen zu packen? »Wir sehen uns in Sankt Goarshausen!« Sankt Goarshausen war der Name des Ortes am Felsen der Loreley. Siska musste das recherchiert haben, denn Alea hatte es in der Chatgruppe nie erwähnt.

Mit einem erstaunt-freudigen Kopfschütteln packte Alea ihr Handy weg. Der Mann von gegenüber musterte sie argwöhnisch, aber das lag bestimmt vor allem daran, dass Lennox ihm die Sicht blockiert hatte und sie in einer merkwürdigen Sprache flüsterten.

»Siska lässt alles stehen und liegen, um uns zu helfen!«, sagte Alea auf Deutsch zu Lennox. »Wie krass.«

»Ja, echt prima.« In seiner Stimme schwang ein undefinierbarer Unterton mit.

»Was ist los?«

»In der Chatgruppe haben wir uns davor gedrückt, Siska etwas Bestimmtes zu sagen.« Lennox neigte das Kinn. »Wenn wir sie aber bald persönlich treffen, dann führt kein Weg daran vorbei, dass wir mit ihr über ihren Vater reden.«

Aleas Blick wurde starr. Siskas Vater Zeirus war der Anführer der überlebenden Darkoner – und er arbeitete für Doktor Orion. Es war elf Jahre her, da hatte Orion der Darkoner-Elitegruppe vorgemacht, er wolle die Meerwelt retten und den Wasservirus unschädlich machen. Dabei hatte er ihn selbst erschaffen! Doch das ahnten Zeirus und seine Leute damals noch nicht. Sie wussten nur, dass der Doktor einer der angesehensten Ärzte der Meerwelt war. Aus diesem Grund leisteten sie ihm den sogenannten Herrenschwur, der sie auf immer und ewig zu absolutem Gehorsam ihm gegenüber verdammte. Sobald Orion etwas von ihnen verlangte, mussten sie es tun, so als hätten sie keine Kontrolle über ihren eigenen Körper. Der Schwur hatte sie zu willenlosen Marionetten des Doktors gemacht.

»Du hast recht, wir müssen Siska einweihen«, sagte Alea beklommen. Bestimmt würde es der Darkonerin das Herz brechen, wenn sie erfuhr, was mit ihrem Vater geschehen war. »Sie wird nie eine normale Vater-Tochter-Beziehung zu Zeirus haben können. Er ist unser Feind, weil Orion unser Feind ist.« »Wenn dieser verfluchte Herrenschwur nicht wäre!«, stieß Lennox hervor. »Wenn Zeirus und seine Leute den Doktor damals nur eher durchschaut hätten …«

»Orion ist leider ein Genie, wenn es um bösartige Pläne geht.« Alea bekam eine Gänsehaut, wenn sie an das nette Gesicht des Doktors mit der harmlosen, großen Brille dachte. Der Mann konnte gleichzeitig freundlich lächeln und sich die abscheulichsten Teufeleien ausdenken. »Sogar die schlauen Darkoner hat er hinters Licht geführt.«

»Es muss für Zeirus und die anderen furchtbar gewesen sein, als sie begriffen haben, dass sie dem schlimmsten Gangster aller Zeiten auf den Leim gegangen sind«, sagte Lennox mit einer Mischung aus Mitgefühl und Wut.

Alea schwieg kurz, dann fragte sie: »Wieso hatte Orion eigentlich keine Angst davor, die Darkoner den Herrenschwur schwören zu lassen? Immerhin ist es doch bestimmt Magie, die diesen Gehorsamkeitseffekt bewirkt. Orion hat aber panische Angst vor Magie! Warum hat er den Schwur trotzdem benutzt?«

Gedankenvoll strich Lennox sich über den Nacken. »Das ist eine gute Frage. Eigentlich macht sich Orion doch schon in die Hose, wenn bloß eine Finde-Finja vorbeikommt …«

Die Stimme einer Frau riss sie aus ihren Überlegungen. Die Schaffnerin stand neben ihnen und wollte ihre Tickets sehen. Alea wühlte sie aus ihrer Tasche hervor und zeigte sie der Frau, die daraufhin in lautem Englisch mit schwerem italienischem Akzent nach ihren Bahncards fragte.

Alea wurde heiß und kalt zugleich. Hatte sie etwa falsche Tickets gekauft?

Als sie keine Bahncards vorzeigen konnten, teilte die Schaffnerin ihnen mit, dass sie den Zug unverzüglich verlassen müssten, wenn sie nicht nachzahlen konnten. Und das konnten sie nicht. Gerade fuhren sie in einen Bahnhof ein, und Alea las das Ortsschild »Freiburg«. Die Schaffnerin wurde immer lauter und zupfte an ihren Rucksäcken. Sie wollte sie ganz offensichtlich auf der Stelle aus dem Zug werfen!

Ihnen blieb nichts anderes übrig, als auszusteigen. »Ist ja gut!«, rief Lennox mit erhobenen Händen und schulterte seinen Rucksack und seine Gitarre. Alea packte ebenfalls ihre Sachen, und kurz darauf standen sie auf dem Bahnsteig.

Der Zug fuhr ab, und Alea und Lennox blickten ihm mit betretenen Mienen hinterher. Sie waren irgendwo auf halbem Weg zur Loreley und hatten keinen Cent für neue Fahrkarten.

Gestrandet

»Schattfa!«, fluchte Alea auf Hajara. »Wieso hab ich beim Kauf der Tickets nicht besser aufgepasst? Jetzt verlieren wir unnötig Zeit, und mit jedem weiteren Tag wird es schwieriger, Theas Spur aufzunehmen!«

»Jeder kann mal was übersehen«, versuchte Lennox, sie zu trösten.

»Aber was, wenn wir Thea deswegen verpassen?« Alea war ganz aufgebracht. »Am besten fährst du ohne mich weiter.«

Entgeistert schaute Lennox sie an. »Ohne dich? Und ohne Fahrkarte?«

Eigentlich hasste Alea es, wenn Lennox seine Unsichtbarkeit nutzte, um nicht bezahlen zu müssen, aber dies war ein Notfall. »Du wirst beim Fahren ohne Ticket eben einfach nicht erwischt. Wenn du in den nächsten ICE steigst, könntest du in ein paar Stunden auf dem Loreley-Felsen stehen! Ich komme irgendwie nach.«

Lennox schüttelte den Kopf. »Das kommt nicht infrage. Ich werde auf keinen Fall ohne dich fahren.«

»Warum nicht?«

»Warum nicht?«, fragte Lennox, als wäre allein die Vorstellung absurd. »Ich bin dein Krieger. Dein Beschützer! Ich lasse dich unter keinen Umständen einfach hier am Bahnhof stehen, egal ob es dadurch schwieriger wird, Thea zu finden.« Sein Blick intensivierte sich. »Du bist wichtiger als Thea.«

Das verschlug Alea für einen Moment die Sprache. Als sie sie wiederfand, fragte sie: »Aber was sollen wir dann machen?«

Lennox war gerade damit beschäftigt, den Bahnhof nach Gefahren abzusuchen. Alea kannte diesen Blick gut – Lennox scannte die Umgebung förmlich ab und nahm jeden Passanten, jede dunkle Ecke und jede Ungewöhnlichkeit genau ins Visier. Anschließend schob er Alea ein paar Meter weiter. Sie hatten direkt unter einer Überwachungskamera gestanden. Ungeachtet dessen, dass sie Doktor Orion abgehängt hatten, konnte man nicht vorsichtig genug sein.

»Was wir machen sollen?«, wiederholte Lennox die Frage. »Wir verdienen uns das Geld für die Fahrt.« Er klopfte auf seine schwarze Gitarre. »Machen wir Musik.«

Alea hatte ihr eigenes Instrument, ihre wassergefüllten Weingläser, zwar nicht dabei, aber sie könnte mit Lennox singen. Inzwischen war sie in Bezug auf ihre Singstimme etwas selbstbewusster, obwohl sie noch immer furchtbar nervös wurde, wenn sie vor Fremden auftrat. »Stimmt, wir könnten Straßenmusik machen.« Damit hatten sie schon öfter richtig viel Geld verdient. »Aber gleich hier?« Sie ließ den Blick umherschweifen. Das Bahngleis war voller hektisch aneinander vorbeieilenden Menschen. »Vielleicht verlegen wir das Ganze besser nach draußen vor den Bahnhof, da werden wir von mehr Leuten gehört.«

Lennox nickte. Sie marschierten aus dem Bahnhofsgebäude hinaus und ein Stück weiter, bis sie kurz vor dem Busbahnhof eine gute Stelle fanden.

»Hier?«, fragte Alea.

Lennox grinste zur Antwort, ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und nahm die Gitarre vor die Brust. Schon begann er zu spielen. »Jawohl, gleich jetzt und hier«, sagte er schelmisch lächelnd und fing an zu singen. »Manche Leute sagen, ich wär ein echter Sonderling. Ein richtig schräger Vogel, so total nicht normal …« Das war einer ihrer eigenen Songs, die sie zusammen mit Tess, Ben und Sammy geschrieben hatten. Er war eine Hymne auf das Anderssein und die Freundschaft, und er hieß »Anker im Sturm«.

Alea wusste, dass sie gleich mit Singen dran war, und von einem Augenblick auf den anderen war ihre Kehle vor Aufregung wie ausgedörrt. Doch sie riss sich zusammen und sang. »Ich pass in keinen Rahmen, wie ein Bild, das sich bewegt …«

Einige der vorbeihastenden Leute warfen ihnen neugierige Blicke zu, doch niemand blieb stehen. Alea erhöhte die Lautstärke ihrer Stimme und setzte ihren eigenen Rucksack ab. Lennox und sie sangen den Refrain gemeinsam, und sie klangen gut, allerdings fehlten die Stimmen von Tess, Sammy und Ben sehr. Alea blickte sich um. Ihr Gesang schien niemanden übermäßig zu interessieren. Als das Lied vorüber war, gab es keinen Applaus – und auch kein Geld.

»Wir müssen das anders angehen.« Alea zog ihre meerblaue Lieblingsmütze aus ihrem Rucksack und legte sie so auf den Boden, dass sich darin jede Menge Münzen sammeln konnten. »So. Und jetzt singen wir Songs, die gut zu zweit funktionieren.«

»Am besten Liebeslieder«, erwiderte Lennox. »Wenn wir uns beim Singen tief in die Augen schauen, können wir die Leute am ehesten in unseren Bann ziehen.«

Alea wusste gleich, worauf er anspielte. Als sie vor einigen Wochen in Edinburgh zu zweit aufgetreten waren, hatten sie einen bestimmten Song gesungen, und es war einer der schönsten Momente in Aleas Leben gewesen. Lennox und sie hatten sich beim Singen geradezu in den Augen des anderen verloren, und ihre vereinten Stimmen hatten wie aus einer anderen Welt geklungen.

Genau dieses Lied spielte Lennox jetzt, und plötzlich war Alea nicht mehr nervös. Sie nahm die vielen Menschen kaum noch wahr und versank gänzlich in Lennox’ azurblauen Augen.

Sie begannen zu singen, und mit einem Mal lag Magie in der Luft. Es war, als bräche die Liebe, die sie füreinander empfanden, aus ihren Stimmen hervor, sodass alle sie hören und fühlen konnten.

Als sie endeten, erklang Beifall. Eine Handvoll Menschen war stehen geblieben und hatte ihnen zugehört, wie Alea nun zufrieden feststellte. Doch nur eine einzige Münze lag in der Mütze.

»Wir müssen nachlegen.« Alea bat Lennox, einen der größten Lovesongs aller Zeiten zu spielen. Sie wusste, dass Lennox die Akkorde dazu kannte, denn sie hatte das Lied schon öfter in seinem Repertoire gehört.

Lennox fing an zu spielen und sang mit ihr gemeinsam die erste Strophe, weil sie die Liedstellen nicht unter sich aufgeteilt hatten. Aber es war sowieso am schönsten, wenn sie beide gleichzeitig sangen. Lennox hatte einen gefühlvollen,

»Schattfa!«, fluchte Alea auf Hajara. »Wieso hab ich beim Kauf der Tickets nicht besser aufgepasst? Jetzt verlieren wir unnötig Zeit, und mit jedem weiteren Tag wird es schwieriger, Theas Spur aufzunehmen!«

»Jeder kann mal was übersehen«, versuchte Lennox, sie zu trösten.

»Aber was, wenn wir Thea deswegen verpassen?« Alea war ganz aufgebracht. »Am besten fährst du ohne mich weiter.«

Entgeistert schaute Lennox sie an. »Ohne dich? Und ohne Fahrkarte?«

Eigentlich hasste Alea es, wenn Lennox seine Unsichtbarkeit nutzte, um nicht bezahlen zu müssen, aber dies war ein Notfall. »Du wirst beim Fahren ohne Ticket eben einfach nicht erwischt. Wenn du in den nächsten ICE steigst, könntest du in ein paar Stunden auf dem Loreley-Felsen stehen! Ich komme irgendwie nach.«

Lennox schüttelte den Kopf. »Das kommt nicht infrage. Ich werde auf keinen Fall ohne dich fahren.«

»Warum nicht?«

»Warum nicht?«, fragte Lennox, als wäre allein die Vorstellung absurd. »Ich bin dein Krieger. Dein Beschützer! Ich lasse dich unter keinen Umständen einfach hier am Bahnhof stehen, egal ob es dadurch schwieriger wird, Thea zu finden.« Sein Blick intensivierte sich. »Du bist wichtiger als Thea.«

Das verschlug Alea für einen Moment die Sprache. Als sie sie wiederfand, fragte sie: »Aber was sollen wir dann machen?«

Lennox war gerade damit beschäftigt, den Bahnhof nach Gefahren abzusuchen. Alea kannte diesen Blick gut – Lennox scannte die Umgebung förmlich ab und nahm jeden Passanten, jede dunkle Ecke und jede Ungewöhnlichkeit genau ins Visier. Anschließend schob er Alea ein paar Meter weiter. Sie hatten direkt unter einer Überwachungskamera gestanden. Ungeachtet dessen, dass sie Doktor Orion abgehängt hatten, konnte man nicht vorsichtig genug sein.

»Was wir machen sollen?«, wiederholte Lennox die Frage. »Wir verdienen uns das Geld für die Fahrt.« Er klopfte auf seine schwarze Gitarre. »Machen wir Musik.«

Alea hatte ihr eigenes Instrument, ihre wassergefüllten Weingläser, zwar nicht dabei, aber sie könnte mit Lennox singen. Inzwischen war sie in Bezug auf ihre Singstimme etwas selbstbewusster, obwohl sie noch immer furchtbar nervös wurde, wenn sie vor Fremden auftrat. »Stimmt, wir könnten Straßenmusik machen.« Damit hatten sie schon öfter richtig viel Geld verdient. »Aber gleich hier?« Sie ließ den Blick umherschweifen. Das Bahngleis war voller hektisch aneinander vorbeieilenden Menschen. »Vielleicht verlegen wir das Ganze besser nach draußen vor den Bahnhof, da werden wir von mehr Leuten gehört.«

Lennox nickte. Sie marschierten aus dem Bahnhofsgebäude hinaus und ein Stück weiter, bis sie kurz vor dem Busbahnhof eine gute Stelle fanden.

»Hier?«, fragte Alea.

Lennox grinste zur Antwort, ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und nahm die Gitarre vor die Brust. Schon begann er zu spielen. »Jawohl, gleich jetzt und hier«, sagte er schelmisch lächelnd und fing an zu singen. »Manche Leute sagen, ich wär ein echter Sonderling. Ein richtig schräger Vogel, so total nicht normal …« Das war einer ihrer eigenen Songs, die sie zusammen mit Tess, Ben und Sammy geschrieben hatten. Er war eine Hymne auf das Anderssein und die Freundschaft, und er hieß »Anker im Sturm«.

Alea wusste, dass sie gleich mit Singen dran war, und von einem Augenblick auf den anderen war ihre Kehle vor Aufregung wie ausgedörrt. Doch sie riss sich zusammen und sang. »Ich pass in keinen Rahmen, wie ein Bild, das sich bewegt …«

Einige der vorbeihastenden Leute warfen ihnen neugierige Blicke zu, doch niemand blieb stehen. Alea erhöhte die Lautstärke ihrer Stimme und setzte ihren eigenen Rucksack ab. Lennox und sie sangen den Refrain gemeinsam, und sie klangen gut, allerdings fehlten die Stimmen von Tess, Sammy und Ben sehr. Alea blickte sich um. Ihr Gesang schien niemanden übermäßig zu interessieren. Als das Lied vorüber war, gab es keinen Applaus – und auch kein Geld.

»Wir müssen das anders angehen.« Alea zog ihre meerblaue Lieblingsmütze aus ihrem Rucksack und legte sie so auf den Boden, dass sich darin jede Menge Münzen sammeln konnten. »So. Und jetzt singen wir Songs, die gut zu zweit funktionieren.«

»Am besten Liebeslieder«, erwiderte Lennox. »Wenn wir uns beim Singen tief in die Augen schauen, können wir die Leute am ehesten in unseren Bann ziehen.«

Alea wusste gleich, worauf er anspielte. Als sie vor einigen Wochen in Edinburgh zu zweit aufgetreten waren, hatten sie einen bestimmten Song gesungen, und es war einer der schönsten Momente in Aleas Leben gewesen. Lennox und sie hatten sich beim Singen geradezu in den Augen des anderen verloren, und ihre vereinten Stimmen hatten wie aus einer anderen Welt geklungen.

Genau dieses Lied spielte Lennox jetzt, und plötzlich war Alea nicht mehr nervös. Sie nahm die vielen Menschen kaum noch wahr und versank gänzlich in Lennox’ azurblauen Augen.

Sie begannen zu singen, und mit einem Mal lag Magie in der Luft. Es war, als bräche die Liebe, die sie füreinander empfanden, aus ihren Stimmen hervor, sodass alle sie hören und fühlen konnten.

Als sie endeten, erklang Beifall. Eine Handvoll Menschen war stehen geblieben und hatte ihnen zugehört, wie Alea nun zufrieden feststellte. Doch nur eine einzige Münze lag in der Mütze.

»Wir müssen nachlegen.« Alea bat Lennox, einen der größten Lovesongs aller Zeiten zu spielen. Sie wusste, dass Lennox die Akkorde dazu kannte, denn sie hatte das Lied schon öfter in seinem Repertoire gehört.

Lennox fing an zu spielen und sang mit ihr gemeinsam die erste Strophe, weil sie die Liedstellen nicht unter sich aufgeteilt hatten. Aber es war sowieso am schönsten, wenn sie beide gleichzeitig sangen. Lennox hatte einen gefühlvollen, warmen Tenor und Alea einen hellen, klaren Sopran. Ihre Stimmen durchdrangen die alltagsgehetzte Atmosphäre des Bahnhofs wie Sonnenstrahlen und öffneten ein kleines Fenster in die Zauberwelt der Musik.

Auch für dieses Lied ernteten sie Applaus und sogar Jubelrufe. Allerdings holten nur wenige Leute ihre Geldbörsen heraus. Die meisten eilten gleich nach dem Ende des Liedes weiter.

»Noch eins.« Unbeirrt spielte Lennox ein drittes Liebeslied. Alea kannte es gut, und auch dieses Mal vermochten sie es, eine besondere Stimmung zu erschaffen. Sie schwelgten regelrecht in dem Lied und in sich selbst als den Überbringern der Musik. Sobald ihre Darbietung vorüber war und die Leute klatschten, war Alea das Geld für einen Augenblick gleichgültig, und sie warf Lennox ein Küsschen zu. Lennox lächelte und machte zur Antwort das »Ich liebe dich«-Gebärdenzeichen. Er hatte in diesem Sommer ebenfalls angefangen, diese Sprache zu lernen, und manchmal unterhielten sie sich schon ein bisschen auf diese Weise.

Als Lennox nun »Ich liebe dich« gebärdete, lief Alea rot an und grinste von einem Ohr zum anderen. Sie erwiderte das Zeichen, was wiederum Lennox zum Strahlen brachte.

Eine junge Frau im Publikum sah den Austausch und hob die Hand zum Metal-Gruß. Sie schien zu denken, sie hätten gerade das Rock-Zeichen gemacht. Doch beim Gebärdenzeichen für »Ich liebe dich« wurde der Daumen abgespreizt, beim Hardrock-Hallo war er eng angelegt.

Verschwörerisch zwinkerte Alea Lennox zu. Sie hatten eine Geheimsprache.

Die Menschen, die ihnen zugehört hatten, zerstreuten sich in Windeseile, und bald standen Alea und Lennox wieder allein da. Alea kniete sich neben ihre Mütze und zählte das eingenommene Geld. »Einundzwanzig Euro«, vermeldete sie enttäuscht. »Mit dem Singen kriegen wir heute niemals genug für die Fahrt zusammen.« Es wurde langsam Abend.

Lennox hob die Schultern. »Tja, manchmal klappt es einfach nicht so gut. Warum auch immer …«

»Und jetzt?« Alea schnitt eine Grimasse. »Wo schlafen wir heute Nacht?«

»Wie wäre es mit einer Jugendherberge?«, schlug Lennox vor, wirkte selbst aber nicht so recht überzeugt von der Idee. »Dafür könnte das Geld reichen.«

»In einer Jugendherberge dürfen Jungs und Mädchen nicht im selben Zimmer übernachten, oder?«, wandte Alea ein und war sich ziemlich sicher, dass das der Grund war, warum Lennox nicht begeistert wirkte. »Ich würde mich beim Einschlafen aber gern an dich kuscheln.«

Lennox lächelte. »Dann werden wir heute Nacht wohl unter freiem Himmel schlafen«, stellte er sichtlich zufrieden fest. »Laut Wetterbericht soll es trocken bleiben.«

Alea fand die Aussicht darauf, mit Lennox unter dem Sternenhimmel zu campen, sogar ziemlich schön. »Fahren wir am besten raus aus der Stadt und suchen uns ein schönes Plätzchen im Grünen.«

Lennox war ohne Weiteres einverstanden. Und so schulterten sie ihre Rucksäcke und nahmen einen Bus. Lennox kaufte keine Fahrkarte. Das Geld war einfach zu knapp.

Zuerst standen sie eine ganze Weile lang auf dem Gang des übervollen Busses, und Alea hing der Rucksack schwer an den Schultern. Nach und nach wurde es jedoch leerer, und schließlich konnten sie sich sogar nebeneinandersetzen. Sie hatten die Stadt verlassen und fuhren durch eine wunderschöne Naturlandschaft. Neugierig betrachtete Alea die lang gezogenen, bewaldeten Hügel, die schroffen Schluchten und saftig grünen Hochweiden, die vor dem Fenster vorüberzogen. Dies war also der weltberühmte Schwarzwald, und er wurde seinem Ruf als malerisches Touristenziel vollauf gerecht.

Lennox strich Alea eine Haarsträhne hinters Ohr. »Es ist schön hier mit dir«, raunte er, und Alea freute sich zum wahrscheinlich millionsten Mal darüber, dass Lennox jemand war, der ganz offen über seine Gefühle sprechen konnte. »Selbst so ein normaler Moment im Bus wie jetzt ist etwas Besonderes mit dir.«

Alea lächelte, als er die Hand unter ihr Kinn schob und seine Lippen die ihren berührten. Sie liebte es, Lennox zu küssen. Anfangs war sie zwar sehr schüchtern und unsicher gewesen, weil sie noch nie zuvor einen Jungen geküsst hatte, aber sie hatte schnell herausgefunden, dass das Küssen nichts war, vor dem man Angst haben musste. Oder lag es allein an Lennox? Er setzte sie nie unter Druck und war immer unendlich behutsam mit ihr. Gleichzeitig konnten ihre Küsse aber auch sehr aufregend sein, und Alea merkte dann, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte.

So war es auch jetzt. Sie ließ sich voll und ganz fallen und bemerkte kaum noch, was um sie herum vor sich ging. Lennox schmeckte genauso gut, wie er roch – nach Weite, Wärme und Wasser –, und Alea konnte einfach nicht genug von ihm bekommen.

Plötzlich löste sich Lennox von ihr. Seine Wangen waren gerötet und sein Haar zerzaust – was damit zu tun haben konnte, dass Alea es liebte, in seinen Haaren herumzuwuscheln.

»Oh.« Alea bemerkte, dass der Bus nicht mehr fuhr.

»Endstation!«, rief die Busfahrerin. »Bitte aussteigen!«

»Na, das ist dann wohl unsere Station«, scherzte Lennox.

Sie rafften ihre Sachen zusammen und verließen den Bus. »Wo sind wir hier?« Alea drehte sich einmal um die eigene Achse. Hinter ihnen schien ein dichter Wald zu beginnen, und auf der anderen Seite erstreckte sich ein Tal. Darin lagen ausgedehnte Felder im Abendrot, und in der Ferne waren ein paar vereinzelte Gehöfte zu erkennen.

Alea und Lennox liefen einfach drauflos und begegneten keiner Menschenseele. Nur die Grillen zirpten laut, und nach und nach huschten immer mehr Glühwürmchen über den Weg. Schließlich fanden sie eine schöne Stelle auf einer Obstbaumwiese, die richtig zum Verweilen einlud. Unterwegs hatten sie trockene Äste gesammelt, mit denen sie ein kleines Feuer entfachen konnten.

Alea schnappte sich Lennox’ Gitarre, setzte sich auf ihren Schlafsack und begann zu spielen. Sie hatte erst in diesem Sommer Gitarrespielen gelernt und war nicht besonders gut, aber sie liebte es, zu üben. Während sie nun ein paar Melodien zupfte und einfache Akkorde anschlug, zückte Lennox ihre Sengbohne. Diese sah aus wie eine eingedrückte Marzipankartoffel, aber hinter dem unauffälligen Äußeren verbarg sich eine große Macht: Eine Sengbohne produzierte flüssiges Feuer. Lennox hatte sie mitgenommen, um damit Wasser erwärmen zu können. Das war für ihn überlebenswichtig, denn inzwischen war er nicht mehr durch Rotfarn geschützt. Rotfarn oder Rofus war ein Meerkraut, das Lennox vor den Folgen des Wasservirus schützte. Vor ihrer Abreise hatten sie allerdings nichts mehr davon auftreiben können. Lennox war sogar im Meer gewesen und hatte eine Finde-Finja gerufen, doch vergebens. Der Virus war nun wieder gefährlich für ihn, und nur, wenn Lennox sich gut vor Regen und jeder anderen Form von kaltem Wasser

»Schattfa!«, fluchte Alea auf Hajara. »Wieso hab ich beim Kauf der Tickets nicht besser aufgepasst? Jetzt verlieren wir unnötig Zeit, und mit jedem weiteren Tag wird es schwieriger, Theas Spur aufzunehmen!«

»Jeder kann mal was übersehen«, versuchte Lennox, sie zu trösten.

»Aber was, wenn wir Thea deswegen verpassen?« Alea war ganz aufgebracht. »Am besten fährst du ohne mich weiter.«

Entgeistert schaute Lennox sie an. »Ohne dich? Und ohne Fahrkarte?«

Eigentlich hasste Alea es, wenn Lennox seine Unsichtbarkeit nutzte, um nicht bezahlen zu müssen, aber dies war ein Notfall. »Du wirst beim Fahren ohne Ticket eben einfach nicht erwischt. Wenn du in den nächsten ICE steigst, könntest du in ein paar Stunden auf dem Loreley-Felsen stehen! Ich komme irgendwie nach.«

Lennox schüttelte den Kopf. »Das kommt nicht infrage. Ich werde auf keinen Fall ohne dich fahren.«

»Warum nicht?«

»Warum nicht?«, fragte Lennox, als wäre allein die Vorstellung absurd. »Ich bin dein Krieger. Dein Beschützer! Ich lasse dich unter keinen Umständen einfach hier am Bahnhof stehen, egal ob es dadurch schwieriger wird, Thea zu finden.« Sein Blick intensivierte sich. »Du bist wichtiger als Thea.«

Das verschlug Alea für einen Moment die Sprache. Als sie sie wiederfand, fragte sie: »Aber was sollen wir dann machen?«

Lennox war gerade damit beschäftigt, den Bahnhof nach Gefahren abzusuchen. Alea kannte diesen Blick gut – Lennox scannte die Umgebung förmlich ab und nahm jeden Passanten, jede dunkle Ecke und jede Ungewöhnlichkeit genau ins Visier. Anschließend schob er Alea ein paar Meter weiter. Sie hatten direkt unter einer Überwachungskamera gestanden. Ungeachtet dessen, dass sie Doktor Orion abgehängt hatten, konnte man nicht vorsichtig genug sein.

»Was wir machen sollen?«, wiederholte Lennox die Frage. »Wir verdienen uns das Geld für die Fahrt.« Er klopfte auf seine schwarze Gitarre. »Machen wir Musik.«

Alea hatte ihr eigenes Instrument, ihre wassergefüllten Weingläser, zwar nicht dabei, aber sie könnte mit Lennox singen. Inzwischen war sie in Bezug auf ihre Singstimme etwas selbstbewusster, obwohl sie noch immer furchtbar nervös wurde, wenn sie vor Fremden auftrat. »Stimmt, wir könnten Straßenmusik machen.« Damit hatten sie schon öfter richtig viel Geld verdient. »Aber gleich hier?« Sie ließ den Blick umherschweifen. Das Bahngleis war voller hektisch aneinander vorbeieilenden Menschen. »Vielleicht verlegen wir das Ganze besser nach draußen vor den Bahnhof, da werden wir von mehr Leuten gehört.«

Lennox nickte. Sie marschierten aus dem Bahnhofsgebäude hinaus und ein Stück weiter, bis sie kurz vor dem Busbahnhof eine gute Stelle fanden.

»Hier?«, fragte Alea.

Lennox grinste zur Antwort, ließ seinen Rucksack auf den Boden sinken und nahm die Gitarre vor die Brust. Schon begann er zu spielen. »Jawohl, gleich jetzt und hier«, sagte er schelmisch lächelnd und fing an zu singen. »Manche Leute sagen, ich wär ein echter Sonderling. Ein richtig schräger Vogel, so total nicht normal …« Das war einer ihrer eigenen Songs, die sie zusammen mit Tess, Ben und Sammy geschrieben hatten. Er war eine Hymne auf das Anderssein und die Freundschaft, und er hieß »Anker im Sturm«.

Alea wusste, dass sie gleich mit Singen dran war, und von einem Augenblick auf den anderen war ihre Kehle vor Aufregung wie ausgedörrt. Doch sie riss sich zusammen und sang. »Ich pass in keinen Rahmen, wie ein Bild, das sich bewegt …«

Einige der vorbeihastenden Leute warfen ihnen neugierige Blicke zu, doch niemand blieb stehen. Alea erhöhte die Lautstärke ihrer Stimme und setzte ihren eigenen Rucksack ab. Lennox und sie sangen den Refrain gemeinsam, und sie klangen gut, allerdings fehlten die Stimmen von Tess, Sammy und Ben sehr. Alea blickte sich um. Ihr Gesang schien niemanden übermäßig zu interessieren. Als das Lied vorüber war, gab es keinen Applaus – und auch kein Geld.

»Wir müssen das anders angehen.« Alea zog ihre meerblaue Lieblingsmütze aus ihrem Rucksack und legte sie so auf den Boden, dass sich darin jede Menge Münzen sammeln konnten. »So. Und jetzt singen wir Songs, die gut zu zweit funktionieren.«

»Am besten Liebeslieder«, erwiderte Lennox. »Wenn wir uns beim Singen tief in die Augen schauen, können wir die Leute am ehesten in unseren Bann ziehen.«

Alea wusste gleich, worauf er anspielte. Als sie vor einigen Wochen in Edinburgh zu zweit aufgetreten waren, hatten sie einen bestimmten Song gesungen, und es war einer der schönsten Momente in Aleas Leben gewesen. Lennox und sie hatten sich beim Singen geradezu in den Augen des anderen verloren, und ihre vereinten Stimmen hatten wie aus einer anderen Welt geklungen.

Genau dieses Lied spielte Lennox jetzt, und plötzlich war Alea nicht mehr nervös. Sie nahm die vielen Menschen kaum noch wahr und versank gänzlich in Lennox’ azurblauen Augen.

Sie begannen zu singen, und mit einem Mal lag Magie in der Luft. Es war, als bräche die Liebe, die sie füreinander empfanden, aus ihren Stimmen hervor, sodass alle sie hören und fühlen konnten.

Als sie endeten, erklang Beifall. Eine Handvoll Menschen war stehen geblieben und hatte ihnen zugehört, wie Alea nun zufrieden feststellte. Doch nur eine einzige Münze lag in der Mütze.

»Wir müssen nachlegen.« Alea bat Lennox, einen der größten Lovesongs aller Zeiten zu spielen. Sie wusste, dass Lennox die Akkorde dazu kannte, denn sie hatte das Lied schon öfter in seinem Repertoire gehört.

Lennox fing an zu spielen und sang mit ihr gemeinsam die erste Strophe, weil sie die Liedstellen nicht unter sich aufgeteilt hatten. Aber es war sowieso am schönsten, wenn sie beide gleichzeitig sangen. Lennox hatte einen gefühlvollen, warmen Tenor und Alea einen hellen, klaren Sopran. Ihre Stimmen durchdrangen die alltagsgehetzte Atmosphäre des Bahnhofs wie Sonnenstrahlen und öffneten ein kleines Fenster in die Zauberwelt der Musik.

Auch für dieses Lied ernteten sie Applaus und sogar Jubelrufe. Allerdings holten nur wenige Leute ihre Geldbörsen heraus. Die meisten eilten gleich nach dem Ende des Liedes weiter.

»Noch eins.« Unbeirrt spielte Lennox ein drittes Liebeslied. Alea kannte es gut, und auch dieses Mal vermochten sie es, eine besondere Stimmung zu erschaffen. Sie schwelgten regelrecht in dem Lied und in sich selbst als den Überbringern der Musik. Sobald ihre Darbietung vorüber war und die Leute klatschten, war Alea das Geld für einen Augenblick gleichgültig, und sie warf Lennox ein Küsschen zu. Lennox lächelte und machte zur Antwort das »Ich liebe dich«-Gebärdenzeichen. Er hatte in diesem Sommer ebenfalls angefangen, diese Sprache zu lernen, und manchmal unterhielten sie sich schon ein bisschen auf diese Weise.

Als Lennox nun »Ich liebe dich« gebärdete, lief Alea rot an und grinste von einem Ohr zum anderen. Sie erwiderte das Zeichen, was wiederum Lennox zum Strahlen brachte.

Eine junge Frau im Publikum sah den Austausch und hob die Hand zum Metal-Gruß. Sie schien zu denken, sie hätten gerade das Rock-Zeichen gemacht. Doch beim Gebärdenzeichen für »Ich liebe dich« wurde der Daumen abgespreizt, beim Hardrock-Hallo war er eng angelegt.

Verschwörerisch zwinkerte Alea Lennox zu. Sie hatten eine Geheimsprache.

Die Menschen, die ihnen zugehört hatten, zerstreuten sich in Windeseile, und bald standen Alea und Lennox wieder allein da. Alea kniete sich neben ihre Mütze und zählte das eingenommene Geld. »Einundzwanzig Euro«, vermeldete sie enttäuscht. »Mit dem Singen kriegen wir heute niemals genug für die Fahrt zusammen.« Es wurde langsam Abend.

Lennox hob die Schultern. »Tja, manchmal klappt es einfach nicht so gut. Warum auch immer …«

»Und jetzt?« Alea schnitt eine Grimasse. »Wo schlafen wir heute Nacht?«

»Wie wäre es mit einer Jugendherberge?«, schlug Lennox vor, wirkte selbst aber nicht so recht überzeugt von der Idee. »Dafür könnte das Geld reichen.«

»In einer Jugendherberge dürfen Jungs und Mädchen nicht im selben Zimmer übernachten, oder?«, wandte Alea ein und war sich ziemlich sicher, dass das der Grund war, warum Lennox nicht begeistert wirkte. »Ich würde mich beim Einschlafen aber gern an dich kuscheln.«

Lennox lächelte. »Dann werden wir heute Nacht wohl unter freiem Himmel schlafen«, stellte er sichtlich zufrieden fest. »Laut Wetterbericht soll es trocken bleiben.«

Alea fand die Aussicht darauf, mit Lennox unter dem Sternenhimmel zu campen, sogar ziemlich schön. »Fahren wir am besten raus aus der Stadt und suchen uns ein schönes Plätzchen im Grünen.«

Lennox war ohne Weiteres einverstanden. Und so schulterten sie ihre Rucksäcke und nahmen einen Bus. Lennox kaufte keine Fahrkarte. Das Geld war einfach zu knapp.

Zuerst standen sie eine ganze Weile lang auf dem Gang des übervollen Busses, und Alea hing der Rucksack schwer an den Schultern. Nach und nach wurde es jedoch leerer, und schließlich konnten sie sich sogar nebeneinandersetzen. Sie hatten die Stadt verlassen und fuhren durch eine wunderschöne Naturlandschaft. Neugierig betrachtete Alea die lang gezogenen, bewaldeten Hügel, die schroffen Schluchten und saftig grünen Hochweiden, die vor dem Fenster vorüberzogen. Dies war also der weltberühmte Schwarzwald, und er wurde seinem Ruf als malerisches Touristenziel vollauf gerecht.

Lennox strich Alea eine Haarsträhne hinters Ohr. »Es ist schön hier mit dir«, raunte er, und Alea freute sich zum wahrscheinlich millionsten Mal darüber, dass Lennox jemand war, der ganz offen über seine Gefühle sprechen konnte. »Selbst so ein normaler Moment im Bus wie jetzt ist etwas Besonderes mit dir.«

Alea lächelte, als er die Hand unter ihr Kinn schob und seine Lippen die ihren berührten. Sie liebte es, Lennox zu küssen. Anfangs war sie zwar sehr schüchtern und unsicher gewesen, weil sie noch nie zuvor einen Jungen geküsst hatte, aber sie hatte schnell herausgefunden, dass das Küssen nichts war, vor dem man Angst haben musste. Oder lag es allein an Lennox? Er setzte sie nie unter Druck und war immer unendlich behutsam mit ihr. Gleichzeitig konnten ihre Küsse aber auch sehr aufregend sein, und Alea merkte dann, dass sie gar nicht mehr aufhören wollte.

So war es auch jetzt. Sie ließ sich voll und ganz fallen und bemerkte kaum noch, was um sie herum vor sich ging. Lennox schmeckte genauso gut, wie er roch – nach Weite, Wärme und Wasser –, und Alea konnte einfach nicht genug von ihm bekommen.

Plötzlich löste sich Lennox von ihr. Seine Wangen waren gerötet und sein Haar zerzaust – was damit zu tun haben konnte, dass Alea es liebte, in seinen Haaren herumzuwuscheln.

»Oh.« Alea bemerkte, dass der Bus nicht mehr fuhr.

»Endstation!«, rief die Busfahrerin. »Bitte aussteigen!«

»Na, das ist dann wohl unsere Station«, scherzte Lennox.

Sie rafften ihre Sachen zusammen und verließen den Bus. »Wo sind wir hier?« Alea drehte sich einmal um die eigene Achse. Hinter ihnen schien ein dichter Wald zu beginnen, und auf der anderen Seite erstreckte sich ein Tal. Darin lagen ausgedehnte Felder im Abendrot, und in der Ferne waren ein paar vereinzelte Gehöfte zu erkennen.

Alea und Lennox liefen einfach drauflos und begegneten keiner Menschenseele. Nur die Grillen zirpten laut, und nach und nach huschten immer mehr Glühwürmchen über den Weg. Schließlich fanden sie eine schöne Stelle auf einer Obstbaumwiese, die richtig zum Verweilen einlud. Unterwegs hatten sie trockene Äste gesammelt, mit denen sie ein kleines Feuer entfachen konnten.

Alea schnappte sich Lennox’ Gitarre, setzte sich auf ihren Schlafsack und begann zu spielen. Sie hatte erst in diesem Sommer Gitarrespielen gelernt und war nicht besonders gut, aber sie liebte es, zu üben. Während sie nun ein paar Melodien zupfte und einfache Akkorde anschlug, zückte Lennox ihre Sengbohne. Diese sah aus wie eine eingedrückte Marzipankartoffel, aber hinter dem unauffälligen Äußeren verbarg sich eine große Macht: Eine Sengbohne produzierte flüssiges Feuer. Lennox hatte sie mitgenommen, um damit Wasser erwärmen zu können. Das war für ihn überlebenswichtig, denn inzwischen war er nicht mehr durch Rotfarn geschützt. Rotfarn oder Rofus war ein Meerkraut, das Lennox vor den Folgen des Wasservirus schützte. Vor ihrer Abreise hatten sie allerdings nichts mehr davon auftreiben können. Lennox war sogar im Meer gewesen und hatte eine Finde-Finja gerufen, doch vergebens. Der Virus war nun wieder gefährlich für ihn, und nur, wenn Lennox sich gut vor Regen und jeder anderen Form von kaltem Wasser schützte und auch sein Trinkwasser erhitzte, blieb er von den Folgen des Virus verschont.

Kunstfertig verstärkte Lennox die großen Steine, die im Kreis um ihr Holz herum aufgestapelt lagen. In seiner Zeit als Straßenjunge hatte er wohl Hunderte Male auf diese Weise Feuer gemacht. Doch damals hatte er noch keine Sengbohne besessen.

Nachdenklich sagte Alea: »Ich hätte es besser gefunden, wenn du einfache Streichhölzer fürs Feuermachen mitgenommen hättest.« Darüber hatten sie vor ihrer Abreise bereits kurz gesprochen, und sie waren unterschiedlicher Meinung gewesen. Lennox hatte die Bohne nicht bloß zum Feuermachen mitnehmen wollen, sondern auch als Waffe. Schließlich wussten sie nicht, was sie auf dieser Reise erwartete. Alea war jedoch dagegen gewesen, denn man konnte mit der Bohne nicht nur ein Feuer entfachen, sondern Dinge gleich ganz in Luft auflösen! Wenn es um Müll ging, war das überaus praktisch. Aber was würde passieren, wenn man die Bohne auf einen Menschen richtete und abdrückte? Alea mochte sich das gar nicht erst vorstellen.

Lennox erforschte ihr Gesicht. »Ich glaube immer noch, dass es gut war, die Bohne mitzunehmen. Nicht nur als Feuerspender, sondern eben auch, falls wir in eine brenzlige Situation geraten. Man kann mit der Bohne ja auch nur drohen und muss sie gar nicht benutzen.«

»Zu drohen kann aber dazu führen, dass die anderen ihre Waffen ziehen, obwohl sie das sonst nicht getan hätten«, entgegnete Alea. Waffen dabeizuhaben, erhöhte ihrer Meinung nach die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch zum Einsatz kamen. Im Zweifelsfall eskalierte eine Situation dadurch schneller.

Lennox rieb mit dem Daumen über die Unterseite der Sengbohne, aus der daraufhin eine grüne Flamme hervorquoll. Als er die Bohne auf das gesammelte Holz richtete, geriet es augenblicklich in Brand.

»Stell dir mal vor, anstelle der Zweige hätte ein Mensch dort gesessen …«, sagte Alea leise.

Lennox starrte ins Feuer und schien darüber nachzudenken. »In Ordnung«, gab er nach. »Ich werde die Sengbohne von nun an in meinem Rucksack aufbewahren anstatt in meiner Jackentasche. Dann ist die Gefahr, dass ich sie im Affekt auf einen Menschen richte, sehr gering.«

Alea war mehr als froh, dass er sich hatte überzeugen lassen. »Wunderbärchen.« Sie küsste ihn und rückte näher an ihn heran. Obgleich es eine recht laue Spätsommernacht war, tat die Wärme des Feuers gut. Eine Zeit lang starrte sie in die züngelnden Flammen, während Lennox in einem Topf Wasser heiß machte und ihr wenig später einen Becher Tee hinhielt. »Unser Abendessen«, sagte er schräg grinsend.

»Ein Festmahl«, gab sie zurück und trank. »Eigentlich hätten wir heute Abend bei der Loreley ankommen sollen …«

Das schien Lennox auf eine Idee zu bringen. Doch bevor er Alea verriet, welche das war, stand er auf und blickte sich um, als wollte er zuerst sichergehen, dass keinerlei Gefahr drohte. »Vielleicht können die Silberfäden uns Hinweise auf Theas Aufenthaltsort geben.« Er setzte sich wieder zu ihr. »Lass es uns mal probieren. Womöglich sehen wir ja neue Visionen.«

»Oh ja!« Das war ein sehr guter Einfall. Rasch holte Alea die kleine Plastiktüte mit den beiden Silberfäden aus ihrer Bauchtasche. Sie hatte die Fäden zwar erst vor zwei Tagen zum letzten Mal benutzt, und die Visionen änderten sich meist erst, wenn sie sich erfüllt hatten. Aber einen Versuch war es wert. Mit höchster Aufmerksamkeit nahm Alea den ersten der beiden Fäden zwischen Daumen und Zeigefinger. Bevor sie ihn aus der Tüte ziehen konnte, zuckten bereits Bilder vor ihrem inneren Auge auf.

Ben und Sammy. Die beiden befanden sich in einer Gondel, sangen aus voller Brust und trugen Strohhüte mit roten Bändern.

Schneller als Alea bis zehn zählen konnte, war die Vision schon wieder vorbei. Es war zudem eine, die sie bereits etliche Male gesehen hatte. Wann würde sie wohl Wirklichkeit werden?

Alea wartete, ob der Faden ihr noch eine weitere Vision zeigen würde, aber alles blieb dunkel.

»Wieder die Vision von Sammy und Ben in der Gondel«, informierte sie Lennox kurz, bevor sie nach dem zweiten Faden griff. Im gleichen Moment war es abermals, als schössen Bilder in ihren Kopf.

Eine laute Straße in Rom. Im Hintergrund das Kolosseum. Ein Kiosk mitten auf dem Gehweg. Doktor Orion an einem hohen Bistrotisch. In der einen Hand hielt er eine Zeitung mit fetter Schlagzeile, in der anderen eine kleine Espressotasse. Als er den Blick hob, entdeckte er Alea. Mit niemandem hatte er wohl weniger gerechnet als mit ihr, denn die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Mit dem nächsten Atemzug war die Vision vorüber. Auch diese war nicht neu. »Orion vor dem Kolosseum in Rom«, sagte Alea verdrossen, denn sie hatte gehofft, Thea sehen zu können. »Alles unverändert.«

»Das ist doch gut!«, fand Lennox. »Das heißt, unser Orion-Plan kann nach wie vor umgesetzt werden.«

Das stimmte auch wieder.

»Ich versuch es mal.« Lennox sah mit den Fäden stets andere Dinge als Alea, was nicht verwunderlich war – man blickte bei den Visionen immer durch die Augen seines eigenen zukünftigen Ichs.

Lennox ließ sich die Tüte geben und steckte die Hand hinein. Sobald er den ersten Faden umfasste, richtete sich sein Blick nach innen. Schon kurz darauf ließ Lennox den Faden mit versteinerter Miene wieder los.

»Was hast du gezeigt bekommen?«, fragte Alea alarmiert. »Etwas Schlimmes? Ist was mit Thea?«

Lennox schien sich erst sammeln zu müssen, bevor er antwortete. »Ich habe den Silberumhang gesehen.«

Bestürzt starrte Alea ihn an. Lennox wirkte, als hätte die Vision ihm etwas Schreckliches gezeigt!

»Jemand wird den Silberumhang zerstören«, kam es gepresst aus Lennox hervor. »Ich habe Hände gesehen, die eine Sengbohne auf den Umhang gerichtet haben. Dann ist ein grüner Blitz aus der Bohne hervorgezuckt und hat den Umhang in Flammen gesetzt. Er ist verbrannt!«

Nächste Leseprobe: Der Gesang der Wale

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