Alea Aquarius Wiki
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Alea Aquarius Wiki

Es war schwer, die Augen aufzuhalten. Heftig atmend lag sie auf dem Rücken und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Sie konnte kaum den Kopf wenden, aber dann sah sie, dass er neben ihr zusammenbrach. Bewegungslos blieb er liegen. »Nein!«, hauchte sie, denn schreien konnte sie nicht mehr. Auf keinen Fall durfte sie ohnmächtig werden! Sie musste Hilfe holen! Doch die Welt um sie herum wurde dunkler und dunkler. Ihre Augen schlossen sich, und sie konnte nichts dagegen tun. Weit entfernt, wie aus einem Traum, hörte sie eine Stimme. Jemand rüttelte an ihr. Sie spürte, wie ihr Mund geöffnet und etwas hineingeträufelt wurde. Es war süß und schmeckte wie halb aufgetauter Schnee. Sie wollte etwas sagen, aber sie brachte keinen Ton hervor. Dann verlor sie das Bewusstsein.

Auf der Flucht

Alea stand am Bug des alten Segelschiffs und sah auf den sanft wogenden Nordatlantik hinaus. Die leuchtenden, verschlungenen Farben des Meeres strömten ruhig dahin wie Pinselstriche eines Gemäldes, das es gar nicht eilig hatte zu trocknen. In ihnen verbargen sich unendlich viele Geschichten, aber diese wollten heute nicht erzählt werden und flossen gemächlich und unaufgeregt dahin.

Nur die Augen der Walwanderer konnten die schillernden Verläufe im Wasser erkennen. Und Alea war genau das – eine Walwanderin.

Wehmütig strich sie sich eine Strähne ihres langen dunklen Haars hinters Ohr, wo ihre Kiemenknubbel saßen. Sosehr sie es liebte, ein Meermädchen zu sein, so traurig machte es sie auch. Denn die Meermenschen waren fort, ausgestorben, und Alea war nicht viel mehr als ein Überbleibsel einer untergegangenen Welt.

Mit der Hand schirmte sie ihre Augen ab und schaute hinauf zu den gewölbten Segeln der Crucis. Erst am Tag zuvor hatte Alea ein Loch im Vorsegel geflickt, und dieses Loch war bei Weitem nicht das erste gewesen. Doch obwohl seine beiden Segel regelrechte Flickenteppiche waren, hatte das Schiff etwas Erhabenes an sich, das trotz der abblätternden grünen Farbe und der vielen Dellen und Macken wie eine Aura um es herum lag. Die Crucis war etwas Besonderes und ihre Besatzung ebenso.

Die Alpha Cru bestand aus fünf Mitgliedern. Da war Benjamin Libra, der Skipper und einzige Volljährige an Bord. Samuel Draco, sein kleiner Bruder. Tess Taurus, die französische Ausreißerin. Lennox Scorpio, der zur einen Hälfte Landgänger und zur anderen Hälfte Meermensch war. Und schließlich sie selbst, Alea Aquarius, die fast ihr ganzes Leben bei den Landgängern verbracht und jahrelang geglaubt hatte, sie sei gegen kaltes Wasser allergisch. Bis sie schließlich herausgefunden hatte, dass sie in Wahrheit Schwimmhäute und Kiemen bekam, sobald sie vollständig im Meer untertauchte.

»Ahoi!«, hörte Alea eine Stimme neben sich. Es war Sammy, der sich zu ihr gesellte. »Du stehst echt oft hier am Bug, Schneewittchen.« Er nannte sie häufig so, denn sie hatte dunkle Haare, blasse Haut und märchenhaft wirkende grüne Augen.

»Ich schaue gern aufs Meer. Ist so schön bunt«, versuchte sie leichthin zu antworten, aber Sammys Miene war ernst.

Im nächsten Moment nahm er ihren Arm, legte ihn um seine Schultern und schmiegte sich an sie. »Bitte einmal knuddeln!«, sagte er und vergrub sein Gesicht in ihrer Jacke.

Alea zog den Jungen an sich und drückte ihn ganz fest. »Mach dir keine Sorgen.« Vorsichtig streichelte sie ihm über den wilden roten Haarschopf. »Es wird alles gut werden.«

Sammy machte sich von ihr los. »Woher weißt du das?« Mit dem Ärmel fuhr er sich über die Nase und wirkte verletzlicher als sonst. »Doktor Orion ist hinter uns her! Wie soll da alles gut werden?«

Alea senkte den Blick. Sammy hatte natürlich recht. Die Gefahr, in der sie alle schwebten, seit sie aus Island geflohen waren, konnte nicht kleingeredet werden. Sie wussten nun: Doktor Orion selbst war für den tödlichen Virus verantwortlich, durch den die Meermenschen ausgerottet worden waren. Er hatte sein eigenes Volk aus dem Weg geräumt, um ihm einen aussichtslosen Kampf gegen die Landgänger zu ersparen. Das hatte er zumindest behauptet. Alea glaubte allerdings, dass es ihm wohl eher darum gegangen war, seine finsteren Geschäfte voranzutreiben und mit seinem weitverzweigten Verbrechernetz ungestört Müll im Meer abladen zu können. Und jetzt war Doktor Orion hinter ihnen her. Sie wussten zu viel über ihn. Mit seinen dunkelsten Geheimnissen im Gepäck war die Alpha Cru ihm entwischt und aus der Villa Konungur geflohen. Ohne Hilfe hätten sie das wahrscheinlich nicht geschafft. Nixen und Kobolde hatten ihnen im Meer den Weg zur Crucis freigekämpft, doch ohne Aleas Vater Keblarr und seinen Freund Ramin wären sie noch nicht einmal bis zum Strand gekommen.

Seit vier Tagen segelten sie nun unbehelligt gen Osten, nur unterbrochen von einem kurzen Zwischenstopp auf den Färöer-Inseln. Doktor Orion würde sie aber nicht einfach so davonkommen lassen, dessen war sich Alea sicher. Sie kannte nicht nur seine geheimsten Gedanken, sondern war für ihn auch aus einem anderen Grund äußerst gefährlich: Sie war die Elvarion, die die Zeitenwende einläuten könnte. Orion kannte diese Prophezeiung, die besagte, dass Alea eine ganz besondere Rolle im Lauf der Dinge spielen sollte. Sie würde für die Ozeane kämpfen, und der Legende nach hatte sie die Chance, die Weltmeere zu retten. Als Elvarion – eine geborene Anführerin, von der es in jeder Meergeneration nur vier oder fünf gab – war sie dafür geradezu perfekt geeignet.

Alea musste schlucken. Die Größe ihres Schicksals schüchterte sie immer noch ein. Gerade diese Größe war es jedoch, die sich für Orion als fatal herausstellen konnte. Denn wenn die Prophezeiung sich bewahrheitete, würde Alea dem Doktor einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

Sammy drängte sich noch näher an Alea heran. »Ich bin zwar ein Abenteurer, aber das ist alles ganz schön heftig«, murmelte er. Dabei sah er aus wie ein Kind, das festgestellt hatte, dass in seinem Schrank tatsächlich ein Monster hauste.

»Es tut mir leid.« Alea war klar, dass die Ereignisse einen Neunjährigen extrem überfordern mussten. »Aber ich brauche dich, Sammy. Du hältst uns alle davon ab, uns wegen Orion total verrückt zu machen.«

»Ich? Wie meinst du das?«

»Du hast zwar selbst Angst, aber trotzdem singst du fröhliche Lieder und erzählst uns bei jeder Gelegenheit Witze.«

Sammy kratzte sich am Kopf. »Ich dachte, damit gehe ich allen nur auf die Nerven. Tess hat das jedenfalls gesagt.«

»Ach, das darfst du nicht so ernst nehmen. Tess motzt zwar ständig an dir rum, aber das heißt nicht, dass sie dich nicht furchtbar gernhätte.«

»Ja, bestimmt ist sie genauso verliebt in mich wie ich in sie!« Sammy grinste und präsentierte dabei seine riesige Zahnlücke. »Ich bin in alle verliebt! In dich, Schneewittchen, in den coolen Scorpio und in Ben schon mein ganzes Leben lang.«

Alea lachte. »Siehst du, genau das meine ich! Wenn ich mit dir rede, fühle ich mich … leichter. Und das ist im Moment für uns alle gut. Sonst frisst die Angst vor Orion uns noch auf.«

Sammys Grinsen wurde schmaler. »Wir sitzen ganz schön in der Tinte, oder?«

»Das dürfen wir uns aber nicht die ganze Zeit sagen!« Kopfschüttelnd blickte Alea ihn an. »Ich zähle auf dich, Samuel Draco. Ich brauche deine ganz besonderen Sammy-Schwingungen, um das alles schaffen zu können. Wir alle tun das! Ohne dich wären wir nichts als ein Haufen düsterer Grübelköpfe auf der Flucht. Aber du schaffst es immer wieder, uns alles kurz vergessen zu lassen.« Sammy war kein bisschen weniger wichtig als die anderen Mitglieder, obwohl er der Jüngste der Cru war.

Er starrte ins Leere. Dann straffte er die Schultern. »Ich bin Samuel Draco, Bestdrache und Angstbezwinger. Ich werde euch alle retten!«

Erleichtert lächelte Alea. »Ich bin so froh, dass ich dich habe«, sagte sie und zog ihn noch einmal an sich. »Bestsammy.«

Sammy machte eine Handbewegung, als wollte er Ballast abwerfen. »Besinnen wir uns also auf die guten Dinge«, schlug er vor. »Wenn man immer nur daran denkt, was schiefgehen könnte, hat der Kopf schon Schiffbruch, bevor überhaupt Sturm aufkommt.«

Alea musste abermals lachen.

»Das Wetter ist ausgesprochen gut für Ende Juli in diesen nördlichen Breitengraden«, stellte Sammy fest und setzte sein fachkundigstes Seemannsgesicht auf. »Neunzehn Grad, Windstärke drei, leichte Brise. Wir machen vier Knoten in der Stunde und kommen Norwegen ganz gemütlich näher.«

Norwegen. Alea rieselte ein kleiner Schauer über den Rücken. Wenn weiterhin alles reibungslos verlief, würden sie in drei Tagen die norwegische Westküste erreichen. Sie hatten Kurs darauf gesetzt, weil Alea vor Kurzem eine Wandererbotschaft erhalten hatte – eine Art Videonachricht, die übers Wasser gekommen war. Walwanderer waren nämlich nicht nur in der Lage, die Farben des Meeres zu sehen, sondern sie konnten mithilfe dieser Botschaften auch über viele Hundert Kilometer miteinander kommunizieren. Die Wanderernachricht stammte von einer Frau, deren Gesicht Alea tief berührt hatte. Bei ihrem Anblick war sofort ein Gefühl von Zuhause in ihr aufgekommen. Deswegen wollte sie diese Frau, die in Norwegen lebte, unbedingt finden. Leider hatte Alea tagelang nichts mehr von ihr gehört. Dennoch segelten sie weiter. Alea hatte zwar keine Ahnung, wie sie die Frau finden sollte – Norwegen war, wenn man keinen konkreten Anhaltspunkt hatte, ziemlich groß –, aber sie mussten es einfach versuchen.

»Meinst du, wir gehen in die Geschichte ein?«, fragte Sammy sie nun. »Wird vielleicht alles, was uns passiert, eines Tages in Büchern stehen?«

»Keine Ahnung.« Alea zuckte die Achseln. »Woher sollten die Menschen erfahren, was hier los ist? Wir haben ja keinen Berichterstatter an Bord«, scherzte sie.

Sammys Augen leuchteten auf. »Den Job kann ich doch übernehmen! Warte, ich hole Bens Handy!«

»Wieso?«

Sammy war schon losgelaufen und schnappte sich das Handy seines großen Bruders, das wie so oft in dessen Jacke steckte, die auf einer Kiste an Deck lag. Sammy kam zu ihr zurück, und Alea sah, dass er eine Sprachmemo-Aufnahme startete. »Die Alpha Cru segelt auf der legendären Crucis …«, sagte er und klang wie ein Hörbuchsprecher. »Das Schiff ist nach dem Sternbild Kreuz des Südens benannt, und der hellste Stern im Kreuz des Südens ist der Acrux. Dieser heißt auf Lateinisch-Griechisch Alpha Cru. Die Bande nach dem Stern zu benennen, war die geniale Idee des jüngsten Mannschaftsmitglieds, Samuel Draco –«

»Das sind ziemlich viele Details«, unterbrach ihn Alea.

»Stimmt.« Überlegend kniff Sammy die Augen zusammen. »Am wichtigsten ist, was passiert ist.«

»Ja, erzähl doch einfach, was in den letzten Tagen war.«

Sammy begann von vorn. »Nachdem die Alpha Cru aus den Fängen des skrupellosen Doktor Orion entkommen konnte, segelte sie unerkannt davon. Ja, unerkannt, denn das glorreiche Schiff ist getarnt! Überall am Rumpf kleben magische Skorpionfische. Diese haben sich dort festgesaugt, um den heldenhaften Mitgliedern der Alpha Cru zu helfen, unentdeckt und für die Augen des Doktor Orion unsichtbar bis nach Norwegen zu gelangen.«

Tess Taurus, die gerade mit einem Arm voll frisch gewaschener Wäsche an Deck kam, um diese an der Leine am Bug aufzuhängen, verdrehte die Augen, als sie Sammy hörte. »Was erzählst du schon wieder für einen Quatsch«, murrte sie mit ihrem französischen Akzent. »Wir sind keine Helden.«

»Sind wir wohl!«, widersprach Sammy. »Wenn wir keine Helden sind, wer denn dann?«

Während Tess die Wäsche auf einer Kiste ablegte, verdrehte sie noch einmal die Augen.

»Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich dich total bezaubernd finde?«, rief Sammy mit zuckersüßer Stimme.

Tess fuhr so schnell zu ihm herum, dass ihre langen Dreadlocks nur so flogen. Sie holte Luft, als wollte sie zu einer Schimpftirade ansetzen. Sammy schenkte ihr jedoch sein unwiderstehlichstes Lausbubenstrahlen. Tess stemmte die Arme in die Seiten, aber dann schnaufte sie lediglich und wandte sich wieder der Wäsche zu.

Sammy grinste. »Es stimmt: Sie liebt mich auch.« Dann besann er sich wieder auf die Berichterstattung. »Sieben Tage ist das Schiff jetzt schon auf diese magische Weise getarnt, und die Cru ist überaus froh, dass die Skorpionfische nicht einfach davonschwimmen. Und das tun sie wahrscheinlich nur deshalb nicht, weil das mysteriöseste Bandenmitglied, Lennox Scorpio, sie jeden Tag aufs Neue beschwört …«

Alea schmunzelte. Lennox beschwor die Fische nicht. Er rief ihnen nur jeden Morgen von der Reling aus einen Spruch zu, der sie an die Crucis zu binden schien: Bleibt und tarnt – verschleiert das, was kein Auge sehen darf.

Lennox konnte die Skorpionfische herbeiholen, weil er zur Hälfte Oblivion war. Die Oblivionen gehörten, genau wie die Walwanderer, zu den Stämmen der Meermenschen. Ausgestattet waren sie mit der Gabe, Landgänger etwas vergessen lassen zu können. Glücklicherweise wurden sie aber meist von diesen übersehen, sodass es oft gar nicht notwendig war, die Erinnerung der Landgänger zu löschen. Dass Oblivionen darüber hinaus noch magische Tarnfische rufen konnten, hatte die Alpha Cru vorher auch nicht gewusst. Es lebte kaum noch jemand, der Lennox und Alea erzählen konnte, welche speziellen Begabungen die Stämme besessen hatten. Deshalb mussten sie vieles ganz allein herausfinden.

»Die Cru geht davon aus, dass sie von Doktor Orion verfolgt wird, auch wenn sie seit Tagen ohne Zwischenfälle segeln konnte«, sprach Sammy weiter. »Orion ist ein äußerst gewiefter Ganove mit einem riesigen Netz aus Ganoven-Untergebenen. Bestimmt wird er sich etwas einfallen lassen, um die Cru aufzuspüren, und dann –«

»Jetzt halt endlich die Klappe!«, platzte es aus Tess heraus. Mit einer zornigen Bewegung warf sie ein T-Shirt, das sie eben erst aufgehängt hatte, auf den Boden. »Was soll denn dieser Reporterblödsinn?«, fuhr sie Sammy an und bemühte sich sichtlich, genervt zu wirken anstatt ängstlich. Alea kannte sie mittlerweile aber zu gut. Hinter Tess’ Pokerface verbarg sich eine überaus empfindsame Seele, und sie hatte, so wie alle anderen, schreckliche Angst vor Orion.

Sammy schien das auch zu wissen. Er kannte Tess immerhin schon ein paar Wochen länger als Alea. »Ich hör besser mal auf, über Orion zu reden«, sagte er und steckte das Handy weg. Dann klatschte er in die Hände. »Wie wäre es mit Musik machen?«

Alea lächelte. Das war der Sammy, den sie brauchte. »Wunderbärchen!«, rief sie.

»Moment mal!« Sammy reckte die Nase vor. »Wunderbärchen ist mein Wort!«

»Ich finde es aber super.«

»Ist es ja auch. Aber … ich hab Urheberrecht darauf. Für die Verwendung musst du mir etwas geben. Zum Beispiel Kekse.«

»Ach so.« Alea grinste. »Jedes Mal, wenn ich das Wort benutze, kriegst du dafür einen Keks?«

»Oder fünf. Oder sechs.«

»Das finde ich sehr teuer.«

»Ich brauche Kekse aber! Wenn ich keine bekomme, sterbe ich, bis ich tot bin.«

»Ich hatte eh vor, heute zu backen.« Alea war die Keksbäckerin an Bord und fühlte sich persönlich dafür verantwortlich, dass Sammy immer genug Süßes bekam. Aber sie konnte natürlich nur dann backen, wenn sie die nötigen Zutaten an Bord hatten. Auf einem Schiff war das allerdings manchmal schwierig, denn man konnte nicht regelmäßig einkaufen gehen. Vor allem dann nicht, wenn man kein Geld hatte, und das kam leider öfter vor. Gegen Ebbe in der Kasse hatte die Alpha Cru aber eine ganz eigene Strategie: Musik machen. Sie waren eine richtig gute Straßenband! In Island hatten sie mit einem einzigen Auftritt so viel eingenommen, dass sie dort jede Menge Vorräte hatten kaufen können.

»Okidoki, sobald du die Kekse fertig hast, sagst du bitte ganz oft Wunderbärchen und gibst mir die Bezahlung für das Wort immer sofort!«, erklärte Sammy. »Damit unterstützt du ja auch mein Projekt. Projekt Wampe!«

Tess schüttelte den Kopf. »Noch mehr Blödsinn.«

Alea lachte. Gleichgültig, wie viel Sammy aß, er blieb trotzdem ein dünner Hering.

»Aber Musik ist keine schlechte Idee«, gab Tess zu, natürlich in schnodderigem Tonfall, damit Sammy nicht allzu sehr triumphierte.

Das tat er aber selbstverständlich trotzdem. »Jippie!«, jubelte er und stürmte los, um seine Cajón zu holen – eine Trommel, auf die man sich beim Spielen setzte und die aussah wie eine Lautsprecherbox.

Tess und Alea tauschten einen Blick. »Der geht mir so was von auf den Senkel«, behauptete Tess.

»Gar nicht«, antwortete Alea lächelnd.

Da lächelte Tess auch. »Ich hole mein Akkordeon. Und ich bringe dir deine Gläser mit.« Damit meinte sie die einundzwanzig Weingläser, die Alea immer mit Wasser befüllte, um darauf spielen zu können.

Alea blickte Tess nach, die nun unter Deck verschwand. Eines der Dinge, die sie an Tess besonders schätzte, war ihre Hilfsbereitschaft. Sie übernahm die allermeisten Aufgaben an Bord. Sie reparierte, putzte, kochte und flickte unermüdlich, und man musste sie nie lange um etwas bitten. Ben nannte sie sein wertvollstes Cru-Mitglied. Wahrscheinlich schimpfte und meckerte Tess auch nur deshalb so viel, damit niemandem auffiel, was für ein gutes Herz sie hatte.

Langsam schlenderte Alea nun zum Deckshäuschen hinüber. Durch die großen Scheiben sah sie Benjamin Libra und Lennox Scorpio, die gerade die Köpfe über einer Seekarte zusammensteckten. Alea ging ganz langsam, um den Augenblick auszukosten, in dem sie Lennox unbemerkt betrachten konnte. Er trug ein schwarzes T-Shirt, das seine muskulösen Arme besonders gut zur Geltung brachte. Die dunklen Haare hingen ihm tief in die Stirn und verliehen ihm diesen ganz speziellen verwegenen Ausdruck …

Da hob er den Blick und sah sie mit seinen azurblauen Augen an. Sein schöner Mund lächelte. Alea lächelte zurück.

Stöhnend warf Ben den Kuli, mit dem er gerade noch Gradzahlen eingetragen hatte, auf die Seekarte. »Wenn ich störe, sagt mir Bescheid«, beschwerte er sich, grinste aber dabei.

Alea lachte ein wenig zu laut. »Nein, schon gut.« Etwas linkisch stand sie vor der Tür zum Deckshäuschen. »Seid ihr schwer beschäftigt, oder können wir proben? Sammy und Tess holen schon ihre Instrumente.«

Lennox stand auf. »Gute Idee. Den Kurs für morgen können wir auch später noch berechnen«, sagte er und ging an Alea vorbei. Dabei strich seine Hand an ihrer entlang, und in ihr zuckte ein Blitz auf, der ihr mitten ins Herz knallte. »Ich hole meine Gitarre.« Schon war er fort.

Alea stand mit heißen Wangen da. Sie war innerhalb von Sekunden knallrot geworden.

Ben fächerte ihr mit einem Blatt Papier Luft zu. »Einfach weiteratmen. Immer schön ein und aus …«

Alea schob seine Hand weg. »Ich bin okay!« Gequält lächelte sie. Sie war eine absolute Lachnummer – so offensichtlich bis über beide Ohren verknallt, dass es einfach nur peinlich war.

Ben schenkte ihr ein beruhigendes Großer-Bruder-Lächeln. »Ich lache dich nicht aus. Ich bin eigentlich eher neidisch auf euch zwei. Verliebt sein ist … schön.« Etwas hastig wandte er sich ab, stellte den Autopiloten an und verließ das Deckshäuschen, um seinen Bass zu holen.

Fünf Minuten später waren die Jungs schon wieder an Deck und machten es sich mit ihren Instrumenten in der Sitzecke am Heck bequem. Kurz darauf brachte Tess Aleas Gläser auf einem Tablett nach oben und stellte sie auf dem Tisch ab.

»Du bist ein Schatz«, bedankte sich Alea. Dann erschrak sie. Durfte sie so etwas überhaupt zu Tess sagen? Schnell setzte sie sich und fing an, ihre Gläser zu stimmen.

Kurz darauf waren sie bereit. Ben zählte an, und sie rockten los. Alea spielte erst ab der zweiten Strophe mit, und so konnte sie zunächst zuhören und die anderen beobachten. Sammy war ein verdammt guter Drummer. Er drosch mit einer enormen Spielfreude und mit untrüglichem Rhythmusgefühl auf seine Cajón ein. Zur Unterstützung stampfte er mit seinen nackten Füßen auf den Boden, sodass die alten Balken der Crucis ächzten.

Ben war eigentlich Gitarrist, aber als Lennox an Bord gekommen war und sich als Naturtalent entpuppt hatte, war Ben auf den Bass umgeschwenkt. Den spielte er ebenfalls sehr gut, doch bei ihren Straßenauftritten war es wohl vor allem Bens Aussehen, das Aufmerksamkeit auf sich zog. Ben war groß, sportlich, immer braun gebrannt und hatte eine Frisur, die eines Rockstars würdig war.

Für Lennox war seine Gitarre über viele Jahre sein bester Freund gewesen, und es verging kein Tag, an dem er nicht spielte. Seine Riffs und Soli waren einfach fantastisch, und Alea platzte immer beinahe vor Stolz, wenn er vor einer Menschenmenge seine Flitzefinger über den Gitarrenhals jagen ließ.

Jetzt begann Tess zu singen. Tess, der geborene Superstar. So zumindest empfand es Alea. Wenn Tess sang, bekam sie jedes Mal eine Gänsehaut. Diese ausdrucksstarke, kratzige Rockröhre ging einem durch Mark und Bein. Im Alltag versuchte Tess sich meist hinter einer Maske aus Unantastbarkeit zu verstecken, aber in die Musik legte sie all ihr Gefühl und wirkte vielleicht gerade dadurch stärker denn je. Außerdem spielte Tess ziemlich gut Akkordeon, und der Klang dieses Instruments machte den Sound der Alpha Cru ungewöhnlich. Vielleicht waren es aber auch Aleas Gläser, die mit ihrer zart verträumten, beinahe mystischen Klangfarbe etwas in ihre Musik einbrachten, was man in dieser Art wohl noch nicht oft gehört hatte.

Nun kam ihr Einsatz. Alea spuckte sich auf die Fingerspitzen und ließ sie geübt über die Gläserränder gleiten. Sie fügte sich perfekt in die Band ein. Nicht zum ersten Mal überkam sie dabei das Gefühl, dass die Mitglieder der Alpha Cru auf irgendeine Weise über sich selbst hinauswuchsen, wenn sie gemeinsam spielten. Sie waren dann nicht mehr nur fünf einzelne Herzschläge, sondern einer – ein einziger starker Herzschlag, in dem die ganze Macht der Musik zu liegen schien.

Viel zu rasch war das Lied zu Ende. »Sofort das nächste!«, bat Alea, die noch lange nicht genug hatte. In den Gesichtern der anderen erkannte sie, dass es ihnen genauso ging.

Sammy schob den alten Strohhut zurück, den er meist beim Musizieren trug. »Oder wir schreiben zusammen einen Song!«

Darüber hatten sie tatsächlich schon öfter gesprochen, es aber noch nie probiert. Tess war eine geübte Songwriterin, die anderen besaßen hingegen noch nicht so viel Erfahrung damit. Nur Alea hatte schon einmal zusammen mit Tess ein Lied geschrieben, Zu dir, und obwohl sie mit dem musikalischen Ergebnis sehr zufrieden war, hatte die ganze Sache ein riesiges Missverständnis zwischen ihr und Tess heraufbeschworen.

»Wir sollten das langsam echt mal machen«, fand Ben.

»Wird sicher nicht so leicht«, wandte Lennox ein.

Tess widersprach ihm. »Du kannst das bestimmt, Scorpio.«

Lennox stutzte, ging aber nicht auf Tess’ Kommentar ein. »Komponieren ist ’ne Kunst«, sagte er zu Ben.

Tess schnitt eine Grimasse. In den vergangenen Tagen hatte sie sich sehr darum bemüht, nett zu Lennox zu sein. Wegen des Missverständnisses war er ziemlich sauer auf sie, und Tess versuchte die Wogen zu glätten. Lennox ließ sie allerdings meist ungerührt abblitzen.

Alea sah, dass es Tess verletzt hatte, von Lennox wieder einmal wie Luft behandelt zu werden. »Ich finde auch, dass wir es versuchen sollten«, sagte sie deshalb zu ihr.

Zaghaft lächelte Tess. »Bon.« Sie setzte sich aufrecht hin. »Worum soll es in unserem Lied gehen?«

»Um uns!«, war Sammys umgehende Antwort. »Darum, dass wir die weltweit beste Straßenband sind!« Er sprang auf. »Weltbestband!«

»Gar keine üble Idee«, stimmte Ben zu. »Es wäre nicht schlecht, sich zur Abwechslung mal wieder auf die schönen Sachen zu konzentrieren.« Damit spielte er wohl auf Doktor Orion an. Aber daran wollte Alea jetzt nicht denken.

»Ja!«, rief sie. »Schreiben wir darüber, wie es ist, in dieser Band zu sein!«

»Es ist magisch!«, flüsterte Sammy geheimnisvoll und nickte, als wollte er sich selbst beipflichten. »Das Wort Magie muss unbedingt im Text vorkommen. Und an irgendeiner Stelle will ich Eyo-Ba-Ba-Eyo singen.«

»Eyo-Ba-Ba-Eyo?«, staunte Alea.

»Das klingt doch hammer, oder?« Sammy strahlte, und Alea wuschelte ihm durch die Haare.

»Warum nicht.« Tess zuckte mit den Schultern. »Machen wir’s.«

Und so machten sie es. Sammy gab einen Rhythmus vor, und Tess spielte drauflos. Ben stieg ein und schließlich auch Lennox und Alea. Dann tüftelten sie herum, diskutierten, verbesserten, feilten, schrieben einen Text. Und schließlich war ihr erster eigener Song fertig, und sie spielten das Lied zusammen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Sie hätten es bestimmt auch noch ein paar weitere Male gespielt, wenn nicht plötzlich zwei Möwen auf dem Deck gelandet wären.

Als Tess die Vögel sah, zuckte sie zusammen und duckte sich. Sie hatte fürchterliche Angst vor Möwen, denn als Kind war sie einmal von einer angegriffen worden, die ihr fast das linke Auge ausgehackt hatte.

Alea und die anderen sprangen sofort auf und begannen mit dem Möwenvertreibungsprogramm. Sie wedelten mit den Armen und schrien herum, bis die beiden Tiere davonflogen. Am Himmel kreisten jedoch noch mehr.

Bens Miene verdunkelte sich. »Da stimmt was nicht«, murmelte er. »Wieso sind so weit draußen auf dem Meer so viele Vögel unterwegs?«

»Die dahinten sind ziemlich aufgeregt.« Sammy wies zum Horizont. Dort flogen tatsächlich unzählige Vögel wild durcheinander.

Lennox’ Augen verengten sich. »Das sieht aus, als würden sie vor etwas fliehen«, sagte er alarmiert und lief zum Deckshäuschen. Mit zwei flinken Sprüngen war er auf dem Dach und von dort aus mit einem Satz am Hauptmast. In Windeseile kletterte er daran hoch.

»Alter …«, stieß Sammy beeindruckt hervor.

Oben hielt Lennox nach dem Ausschau, was die Vögel aufgescheucht haben könnte. »Verdammt!«, fluchte er. »Hubschrauber!« Er flog geradezu vom Mast herunter und landete geschmeidig wie eine Katze auf den Planken.

Alea hatte aber keine Zeit, ihn dafür anzuhimmeln. »Orions Hubschrauber?«, keuchte sie. Kurz nach ihrer Flucht hatten Doktor Orion und seine Leute das Meer schon einmal aus der Luft nach ihnen abgesucht.

Im nächsten Augenblick hörten sie schon das Geräusch der Rotorblätter. Ben rannte nach Steuerbord zur Reling. Von dort schien es zu kommen. Und dann sahen sie sie. Zwei Helikopter näherten sich. Sie flogen dicht über dem Wasser.

»Mein Gott …« In Bens Gesicht spiegelte sich blanke Angst. »Es sind wirklich Orions Leute!«

»Woher weißt du das?«, rief Tess.

Ben schrie fast. »Die haben ein Netz zwischen sich!«

Alea gefror das Blut in den Adern. Jetzt sah sie es auch. Die beiden Hubschrauber hatten zwischen sich ein riesengroßes Netz gespannt, das sie über die Wasseroberfläche zogen. Als wollten sie etwas fangen. Etwas Unsichtbares.

»Die wollen die Crucis damit erwischen!«, gellte Tess.

Ben fuhr zu ihnen herum. »Wendemanöver! Motor an!« Sie mussten so schnell wie möglich hart nach Backbord drehen, denn die Hubschrauber kamen direkt auf sie zu. »Alle hören auf mein Kommando!«, donnerte er mit der ganzen Autorität eines Kapitäns. »Draco, Motor! Taurus und Aquarius, Vorsegel! Scorpio, Verteidigung!«

Sie verloren keine Sekunde. Ben rannte zum Deckshäuschen, Sammy zum Motor, Alea und Tess zum Segel, und Lennox sprang mit erhobenen Fäusten auf die Reling am Bug, als wollte er sagen: Kommt nur her!

Sobald Ben hinter dem Steuerrad stand, brüllte er: »Klar zur Wende!«

Tess und Alea hatten bereits die Schot von der Klampe gelöst und hielten das Seil des Vorsegels. »Ist klar!«

Der Motor fing an zu rattern. »Motor läuft!«, schrie Sammy.

Ben riss das Steuer herum. Das Schiff schwankte und fuhr hoch am Wind. Jetzt musste die Crucis beweisen, dass sie etwas aushalten konnte.

Mit aller Kraft hielten Tess und Alea das Seil, bis das Segel umschlug und das Schiff sich in die neue Richtung drehte. Gleich darauf schlug auch das Hauptsegel um.

Alea sah die Hubschrauber herankommen, das Netz wie ein weit geöffnetes Maul zwischen sich. Nur noch wenige Augenblicke, dann würden sie hier sein.

Ben lenkte mit aller Kraft, und die Crucis wendete vollständig nach Backbord.

Die Helikopter flogen unaufhaltsam näher. Und dann waren sie da. Mit ohrenbetäubendem Lärm dröhnten sie über sie hinweg – hinter ihnen vorbei. Denn das Netz verfehlte das Heck der Crucis um Haaresbreite.

Alea riss den Kopf herum und sah hinauf. Im rechten Hubschrauber erkannte sie Orion. Doktor Aquilius Orion. Konzentriert suchten seine Augen das Meer ab, und doch hatte er keine Ahnung, dass sie sich direkt unter ihm befanden.

Das nette Gesicht des Doktors mit der harmlosen Brille ließ Wut in Alea hochkochen. »Wir sind hier!«, brüllte sie gegen den Hubschrauberlärm an. »Ha, du siehst uns nicht!«, schrie sie voll Zorn dem Mann zu, der sie belogen, betrogen und verraten hatte. Dem Mann, der schuld am Untergang einer ganzen Zivilisation war. Dem Mann, der ihre Mutter getötet hatte. »Du kriegst uns nicht!«, schrillte sie und war wie von Sinnen. »Du kriegst uns nicht!«

Da war Lennox bei ihr und hielt sie fest. Sobald er sie umarmte, brach Alea zusammen und begann haltlos zu weinen.

Die Hubschrauber entfernten sich, wurden immer leiser, bis schließlich nur noch das Rauschen der Wellen und das Kreischen der aufgebrachten Möwen zu hören war.

Alea weinte in Lennox’ Armen. Mit einem Mal brach die ganze zurückgehaltene Angst der vergangenen Tage aus ihr heraus und entlud sich in schnellen, zuckenden Schluchzern.

Sammy liefen ebenfalls Tränen übers Gesicht.

Tess wirkte wie erstarrt.

Ben ließ sich schwer auf einer Kiste nieder. »Das war … so was von knapp.«

»Aber wir haben es geschafft«, entgegnete Lennox mit fester Stimme. »Wir sind entkommen.« Er klang stark. Ungebrochen.

Alea schloss die Augen und nahm sich ein Stück von Lennox’ Mut. Zitternd atmete sie durch und wischte ihre Tränen fort.

»Orion hat uns zum dritten Mal nicht erwischt«, fügte Lennox grimmig hinzu. »Und er wird uns niemals kriegen. So wahr ich Lennox Scorpio heiße!«

»So wahr wir die Alpha Cru sind!«, sagte Alea und richtete sich auf. Sie hatte genug geweint. Entschlossen streckte sie die Hand nach vorn.

Lennox legte seine darüber. Tess, Ben und Sammy kamen zu ihnen, einer nach dem anderen. Dann streckten auch sie ihre Hände vor.

Im Wind des Nordmeers erklang ihr Bandenruf laut und herausfordernd, so als wollten sie damit nicht nur Doktor Orion, sondern auch ihre eigene Angst bezwingen. »Alpha Cru!«Alea stand am Bug des alten Segelschiffs und sah auf den sanft wogenden Nordatlantik hinaus. Die leuchtenden, verschlungenen Farben des Meeres strömten ruhig dahin wie Pinselstriche eines Gemäldes, das es gar nicht eilig hatte zu trocknen. In ihnen verbargen sich unendlich viele Geschichten, aber diese wollten heute nicht erzählt werden und flossen gemächlich und unaufgeregt dahin.

Nur die Augen der Walwanderer konnten die schillernden Verläufe im Wasser erkennen. Und Alea war genau das – eine Walwanderin.

Wehmütig strich sie sich eine Strähne ihres langen dunklen Haars hinters Ohr, wo ihre Kiemenknubbel saßen. Sosehr sie es liebte, ein Meermädchen zu sein, so traurig machte es sie auch. Denn die Meermenschen waren fort, ausgestorben, und Alea war nicht viel mehr als ein Überbleibsel einer untergegangenen Welt.

Mit der Hand schirmte sie ihre Augen ab und schaute hinauf zu den gewölbten Segeln der Crucis. Erst am Tag zuvor hatte Alea ein Loch im Vorsegel geflickt, und dieses Loch war bei Weitem nicht das erste gewesen. Doch obwohl seine beiden Segel regelrechte Flickenteppiche waren, hatte das Schiff etwas Erhabenes an sich, das trotz der abblätternden grünen Farbe und der vielen Dellen und Macken wie eine Aura um es herum lag. Die Crucis war etwas Besonderes und ihre Besatzung ebenso.

Die Alpha Cru bestand aus fünf Mitgliedern. Da war Benjamin Libra, der Skipper und einzige Volljährige an Bord. Samuel Draco, sein kleiner Bruder. Tess Taurus, die französische Ausreißerin. Lennox Scorpio, der zur einen Hälfte Landgänger und zur anderen Hälfte Meermensch war. Und schließlich sie selbst, Alea Aquarius, die fast ihr ganzes Leben bei den Landgängern verbracht und jahrelang geglaubt hatte, sie sei gegen kaltes Wasser allergisch. Bis sie schließlich herausgefunden hatte, dass sie in Wahrheit Schwimmhäute und Kiemen bekam, sobald sie vollständig im Meer untertauchte.

»Ahoi!«, hörte Alea eine Stimme neben sich. Es war Sammy, der sich zu ihr gesellte. »Du stehst echt oft hier am Bug, Schneewittchen.« Er nannte sie häufig so, denn sie hatte dunkle Haare, blasse Haut und märchenhaft wirkende grüne Augen.

»Ich schaue gern aufs Meer. Ist so schön bunt«, versuchte sie leichthin zu antworten, aber Sammys Miene war ernst.

Im nächsten Moment nahm er ihren Arm, legte ihn um seine Schultern und schmiegte sich an sie. »Bitte einmal knuddeln!«, sagte er und vergrub sein Gesicht in ihrer Jacke.

Alea zog den Jungen an sich und drückte ihn ganz fest. »Mach dir keine Sorgen.« Vorsichtig streichelte sie ihm über den wilden roten Haarschopf. »Es wird alles gut werden.«

Sammy machte sich von ihr los. »Woher weißt du das?« Mit dem Ärmel fuhr er sich über die Nase und wirkte verletzlicher als sonst. »Doktor Orion ist hinter uns her! Wie soll da alles gut werden?«

Alea senkte den Blick. Sammy hatte natürlich recht. Die Gefahr, in der sie alle schwebten, seit sie aus Island geflohen waren, konnte nicht kleingeredet werden. Sie wussten nun: Doktor Orion selbst war für den tödlichen Virus verantwortlich, durch den die Meermenschen ausgerottet worden waren. Er hatte sein eigenes Volk aus dem Weg geräumt, um ihm einen aussichtslosen Kampf gegen die Landgänger zu ersparen. Das hatte er zumindest behauptet. Alea glaubte allerdings, dass es ihm wohl eher darum gegangen war, seine finsteren Geschäfte voranzutreiben und mit seinem weitverzweigten Verbrechernetz ungestört Müll im Meer abladen zu können. Und jetzt war Doktor Orion hinter ihnen her. Sie wussten zu viel über ihn. Mit seinen dunkelsten Geheimnissen im Gepäck war die Alpha Cru ihm entwischt und aus der Villa Konungur geflohen. Ohne Hilfe hätten sie das wahrscheinlich nicht geschafft. Nixen und Kobolde hatten ihnen im Meer den Weg zur Crucis freigekämpft, doch ohne Aleas Vater Keblarr und seinen Freund Ramin wären sie noch nicht einmal bis zum Strand gekommen.

Seit vier Tagen segelten sie nun unbehelligt gen Osten, nur unterbrochen von einem kurzen Zwischenstopp auf den Färöer-Inseln. Doktor Orion würde sie aber nicht einfach so davonkommen lassen, dessen war sich Alea sicher. Sie kannte nicht nur seine geheimsten Gedanken, sondern war für ihn auch aus einem anderen Grund äußerst gefährlich: Sie war die Elvarion, die die Zeitenwende einläuten könnte. Orion kannte diese Prophezeiung, die besagte, dass Alea eine ganz besondere Rolle im Lauf der Dinge spielen sollte. Sie würde für die Ozeane kämpfen, und der Legende nach hatte sie die Chance, die Weltmeere zu retten. Als Elvarion – eine geborene Anführerin, von der es in jeder Meergeneration nur vier oder fünf gab – war sie dafür geradezu perfekt geeignet.

Alea musste schlucken. Die Größe ihres Schicksals schüchterte sie immer noch ein. Gerade diese Größe war es jedoch, die sich für Orion als fatal herausstellen konnte. Denn wenn die Prophezeiung sich bewahrheitete, würde Alea dem Doktor einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.

Sammy drängte sich noch näher an Alea heran. »Ich bin zwar ein Abenteurer, aber das ist alles ganz schön heftig«, murmelte er. Dabei sah er aus wie ein Kind, das festgestellt hatte, dass in seinem Schrank tatsächlich ein Monster hauste.

»Es tut mir leid.« Alea war klar, dass die Ereignisse einen Neunjährigen extrem überfordern mussten. »Aber ich brauche dich, Sammy. Du hältst uns alle davon ab, uns wegen Orion total verrückt zu machen.«

»Ich? Wie meinst du das?«

»Du hast zwar selbst Angst, aber trotzdem singst du fröhliche Lieder und erzählst uns bei jeder Gelegenheit Witze.«

Sammy kratzte sich am Kopf. »Ich dachte, damit gehe ich allen nur auf die Nerven. Tess hat das jedenfalls gesagt.«

»Ach, das darfst du nicht so ernst nehmen. Tess motzt zwar ständig an dir rum, aber das heißt nicht, dass sie dich nicht furchtbar gernhätte.«

»Ja, bestimmt ist sie genauso verliebt in mich wie ich in sie!« Sammy grinste und präsentierte dabei seine riesige Zahnlücke. »Ich bin in alle verliebt! In dich, Schneewittchen, in den coolen Scorpio und in Ben schon mein ganzes Leben lang.«

Alea lachte. »Siehst du, genau das meine ich! Wenn ich mit dir rede, fühle ich mich … leichter. Und das ist im Moment für uns alle gut. Sonst frisst die Angst vor Orion uns noch auf.«

Sammys Grinsen wurde schmaler. »Wir sitzen ganz schön in der Tinte, oder?«

»Das dürfen wir uns aber nicht die ganze Zeit sagen!« Kopfschüttelnd blickte Alea ihn an. »Ich zähle auf dich, Samuel Draco. Ich brauche deine ganz besonderen Sammy-Schwingungen, um das alles schaffen zu können. Wir alle tun das! Ohne dich wären wir nichts als ein Haufen düsterer Grübelköpfe auf der Flucht. Aber du schaffst es immer wieder, uns alles kurz vergessen zu lassen.« Sammy war kein bisschen weniger wichtig als die anderen Mitglieder, obwohl er der Jüngste der Cru war.

Er starrte ins Leere. Dann straffte er die Schultern. »Ich bin Samuel Draco, Bestdrache und Angstbezwinger. Ich werde euch alle retten!«

Erleichtert lächelte Alea. »Ich bin so froh, dass ich dich habe«, sagte sie und zog ihn noch einmal an sich. »Bestsammy.«

Sammy machte eine Handbewegung, als wollte er Ballast abwerfen. »Besinnen wir uns also auf die guten Dinge«, schlug er vor. »Wenn man immer nur daran denkt, was schiefgehen könnte, hat der Kopf schon Schiffbruch, bevor überhaupt Sturm aufkommt.«

Alea musste abermals lachen.

»Das Wetter ist ausgesprochen gut für Ende Juli in diesen nördlichen Breitengraden«, stellte Sammy fest und setzte sein fachkundigstes Seemannsgesicht auf. »Neunzehn Grad, Windstärke drei, leichte Brise. Wir machen vier Knoten in der Stunde und kommen Norwegen ganz gemütlich näher.«

Norwegen. Alea rieselte ein kleiner Schauer über den Rücken. Wenn weiterhin alles reibungslos verlief, würden sie in drei Tagen die norwegische Westküste erreichen. Sie hatten Kurs darauf gesetzt, weil Alea vor Kurzem eine Wandererbotschaft erhalten hatte – eine Art Videonachricht, die übers Wasser gekommen war. Walwanderer waren nämlich nicht nur in der Lage, die Farben des Meeres zu sehen, sondern sie konnten mithilfe dieser Botschaften auch über viele Hundert Kilometer miteinander kommunizieren. Die Wanderernachricht stammte von einer Frau, deren Gesicht Alea tief berührt hatte. Bei ihrem Anblick war sofort ein Gefühl von Zuhause in ihr aufgekommen. Deswegen wollte sie diese Frau, die in Norwegen lebte, unbedingt finden. Leider hatte Alea tagelang nichts mehr von ihr gehört. Dennoch segelten sie weiter. Alea hatte zwar keine Ahnung, wie sie die Frau finden sollte – Norwegen war, wenn man keinen konkreten Anhaltspunkt hatte, ziemlich groß –, aber sie mussten es einfach versuchen.

»Meinst du, wir gehen in die Geschichte ein?«, fragte Sammy sie nun. »Wird vielleicht alles, was uns passiert, eines Tages in Büchern stehen?«

»Keine Ahnung.« Alea zuckte die Achseln. »Woher sollten die Menschen erfahren, was hier los ist? Wir haben ja keinen Berichterstatter an Bord«, scherzte sie.

Sammys Augen leuchteten auf. »Den Job kann ich doch übernehmen! Warte, ich hole Bens Handy!«

»Wieso?«

Sammy war schon losgelaufen und schnappte sich das Handy seines großen Bruders, das wie so oft in dessen Jacke steckte, die auf einer Kiste an Deck lag. Sammy kam zu ihr zurück, und Alea sah, dass er eine Sprachmemo-Aufnahme startete. »Die Alpha Cru segelt auf der legendären Crucis …«, sagte er und klang wie ein Hörbuchsprecher. »Das Schiff ist nach dem Sternbild Kreuz des Südens benannt, und der hellste Stern im Kreuz des Südens ist der Acrux. Dieser heißt auf Lateinisch-Griechisch Alpha Cru. Die Bande nach dem Stern zu benennen, war die geniale Idee des jüngsten Mannschaftsmitglieds, Samuel Draco –«

»Das sind ziemlich viele Details«, unterbrach ihn Alea.

»Stimmt.« Überlegend kniff Sammy die Augen zusammen. »Am wichtigsten ist, was passiert ist.«

»Ja, erzähl doch einfach, was in den letzten Tagen war.«

Sammy begann von vorn. »Nachdem die Alpha Cru aus den Fängen des skrupellosen Doktor Orion entkommen konnte, segelte sie unerkannt davon. Ja, unerkannt, denn das glorreiche Schiff ist getarnt! Überall am Rumpf kleben magische Skorpionfische. Diese haben sich dort festgesaugt, um den heldenhaften Mitgliedern der Alpha Cru zu helfen, unentdeckt und für die Augen des Doktor Orion unsichtbar bis nach Norwegen zu gelangen.«

Tess Taurus, die gerade mit einem Arm voll frisch gewaschener Wäsche an Deck kam, um diese an der Leine am Bug aufzuhängen, verdrehte die Augen, als sie Sammy hörte. »Was erzählst du schon wieder für einen Quatsch«, murrte sie mit ihrem französischen Akzent. »Wir sind keine Helden.«

»Sind wir wohl!«, widersprach Sammy. »Wenn wir keine Helden sind, wer denn dann?«

Während Tess die Wäsche auf einer Kiste ablegte, verdrehte sie noch einmal die Augen.

»Hab ich dir schon mal gesagt, dass ich dich total bezaubernd finde?«, rief Sammy mit zuckersüßer Stimme.

Tess fuhr so schnell zu ihm herum, dass ihre langen Dreadlocks nur so flogen. Sie holte Luft, als wollte sie zu einer Schimpftirade ansetzen. Sammy schenkte ihr jedoch sein unwiderstehlichstes Lausbubenstrahlen. Tess stemmte die Arme in die Seiten, aber dann schnaufte sie lediglich und wandte sich wieder der Wäsche zu.

Sammy grinste. »Es stimmt: Sie liebt mich auch.« Dann besann er sich wieder auf die Berichterstattung. »Sieben Tage ist das Schiff jetzt schon auf diese magische Weise getarnt, und die Cru ist überaus froh, dass die Skorpionfische nicht einfach davonschwimmen. Und das tun sie wahrscheinlich nur deshalb nicht, weil das mysteriöseste Bandenmitglied, Lennox Scorpio, sie jeden Tag aufs Neue beschwört …«

Alea schmunzelte. Lennox beschwor die Fische nicht. Er rief ihnen nur jeden Morgen von der Reling aus einen Spruch zu, der sie an die Crucis zu binden schien: Bleibt und tarnt – verschleiert das, was kein Auge sehen darf.

Lennox konnte die Skorpionfische herbeiholen, weil er zur Hälfte Oblivion war. Die Oblivionen gehörten, genau wie die Walwanderer, zu den Stämmen der Meermenschen. Ausgestattet waren sie mit der Gabe, Landgänger etwas vergessen lassen zu können. Glücklicherweise wurden sie aber meist von diesen übersehen, sodass es oft gar nicht notwendig war, die Erinnerung der Landgänger zu löschen. Dass Oblivionen darüber hinaus noch magische Tarnfische rufen konnten, hatte die Alpha Cru vorher auch nicht gewusst. Es lebte kaum noch jemand, der Lennox und Alea erzählen konnte, welche speziellen Begabungen die Stämme besessen hatten. Deshalb mussten sie vieles ganz allein herausfinden.

»Die Cru geht davon aus, dass sie von Doktor Orion verfolgt wird, auch wenn sie seit Tagen ohne Zwischenfälle segeln konnte«, sprach Sammy weiter. »Orion ist ein äußerst gewiefter Ganove mit einem riesigen Netz aus Ganoven-Untergebenen. Bestimmt wird er sich etwas einfallen lassen, um die Cru aufzuspüren, und dann –«

»Jetzt halt endlich die Klappe!«, platzte es aus Tess heraus. Mit einer zornigen Bewegung warf sie ein T-Shirt, das sie eben erst aufgehängt hatte, auf den Boden. »Was soll denn dieser Reporterblödsinn?«, fuhr sie Sammy an und bemühte sich sichtlich, genervt zu wirken anstatt ängstlich. Alea kannte sie mittlerweile aber zu gut. Hinter Tess’ Pokerface verbarg sich eine überaus empfindsame Seele, und sie hatte, so wie alle anderen, schreckliche Angst vor Orion.

Sammy schien das auch zu wissen. Er kannte Tess immerhin schon ein paar Wochen länger als Alea. »Ich hör besser mal auf, über Orion zu reden«, sagte er und steckte das Handy weg. Dann klatschte er in die Hände. »Wie wäre es mit Musik machen?«

Alea lächelte. Das war der Sammy, den sie brauchte. »Wunderbärchen!«, rief sie.

»Moment mal!« Sammy reckte die Nase vor. »Wunderbärchen ist mein Wort!«

»Ich finde es aber super.«

»Ist es ja auch. Aber … ich hab Urheberrecht darauf. Für die Verwendung musst du mir etwas geben. Zum Beispiel Kekse.«

»Ach so.« Alea grinste. »Jedes Mal, wenn ich das Wort benutze, kriegst du dafür einen Keks?«

»Oder fünf. Oder sechs.«

»Das finde ich sehr teuer.«

»Ich brauche Kekse aber! Wenn ich keine bekomme, sterbe ich, bis ich tot bin.«

»Ich hatte eh vor, heute zu backen.« Alea war die Keksbäckerin an Bord und fühlte sich persönlich dafür verantwortlich, dass Sammy immer genug Süßes bekam. Aber sie konnte natürlich nur dann backen, wenn sie die nötigen Zutaten an Bord hatten. Auf einem Schiff war das allerdings manchmal schwierig, denn man konnte nicht regelmäßig einkaufen gehen. Vor allem dann nicht, wenn man kein Geld hatte, und das kam leider öfter vor. Gegen Ebbe in der Kasse hatte die Alpha Cru aber eine ganz eigene Strategie: Musik machen. Sie waren eine richtig gute Straßenband! In Island hatten sie mit einem einzigen Auftritt so viel eingenommen, dass sie dort jede Menge Vorräte hatten kaufen können.

»Okidoki, sobald du die Kekse fertig hast, sagst du bitte ganz oft Wunderbärchen und gibst mir die Bezahlung für das Wort immer sofort!«, erklärte Sammy. »Damit unterstützt du ja auch mein Projekt. Projekt Wampe!«

Tess schüttelte den Kopf. »Noch mehr Blödsinn.«

Alea lachte. Gleichgültig, wie viel Sammy aß, er blieb trotzdem ein dünner Hering.

»Aber Musik ist keine schlechte Idee«, gab Tess zu, natürlich in schnodderigem Tonfall, damit Sammy nicht allzu sehr triumphierte.

Das tat er aber selbstverständlich trotzdem. »Jippie!«, jubelte er und stürmte los, um seine Cajón zu holen – eine Trommel, auf die man sich beim Spielen setzte und die aussah wie eine Lautsprecherbox.

Tess und Alea tauschten einen Blick. »Der geht mir so was von auf den Senkel«, behauptete Tess.

»Gar nicht«, antwortete Alea lächelnd.

Da lächelte Tess auch. »Ich hole mein Akkordeon. Und ich bringe dir deine Gläser mit.« Damit meinte sie die einundzwanzig Weingläser, die Alea immer mit Wasser befüllte, um darauf spielen zu können.

Alea blickte Tess nach, die nun unter Deck verschwand. Eines der Dinge, die sie an Tess besonders schätzte, war ihre Hilfsbereitschaft. Sie übernahm die allermeisten Aufgaben an Bord. Sie reparierte, putzte, kochte und flickte unermüdlich, und man musste sie nie lange um etwas bitten. Ben nannte sie sein wertvollstes Cru-Mitglied. Wahrscheinlich schimpfte und meckerte Tess auch nur deshalb so viel, damit niemandem auffiel, was für ein gutes Herz sie hatte.

Langsam schlenderte Alea nun zum Deckshäuschen hinüber. Durch die großen Scheiben sah sie Benjamin Libra und Lennox Scorpio, die gerade die Köpfe über einer Seekarte zusammensteckten. Alea ging ganz langsam, um den Augenblick auszukosten, in dem sie Lennox unbemerkt betrachten konnte. Er trug ein schwarzes T-Shirt, das seine muskulösen Arme besonders gut zur Geltung brachte. Die dunklen Haare hingen ihm tief in die Stirn und verliehen ihm diesen ganz speziellen verwegenen Ausdruck …

Da hob er den Blick und sah sie mit seinen azurblauen Augen an. Sein schöner Mund lächelte. Alea lächelte zurück.

Stöhnend warf Ben den Kuli, mit dem er gerade noch Gradzahlen eingetragen hatte, auf die Seekarte. »Wenn ich störe, sagt mir Bescheid«, beschwerte er sich, grinste aber dabei.

Alea lachte ein wenig zu laut. »Nein, schon gut.« Etwas linkisch stand sie vor der Tür zum Deckshäuschen. »Seid ihr schwer beschäftigt, oder können wir proben? Sammy und Tess holen schon ihre Instrumente.«

Lennox stand auf. »Gute Idee. Den Kurs für morgen können wir auch später noch berechnen«, sagte er und ging an Alea vorbei. Dabei strich seine Hand an ihrer entlang, und in ihr zuckte ein Blitz auf, der ihr mitten ins Herz knallte. »Ich hole meine Gitarre.« Schon war er fort.

Alea stand mit heißen Wangen da. Sie war innerhalb von Sekunden knallrot geworden.

Ben fächerte ihr mit einem Blatt Papier Luft zu. »Einfach weiteratmen. Immer schön ein und aus …«

Alea schob seine Hand weg. »Ich bin okay!« Gequält lächelte sie. Sie war eine absolute Lachnummer – so offensichtlich bis über beide Ohren verknallt, dass es einfach nur peinlich war.

Ben schenkte ihr ein beruhigendes Großer-Bruder-Lächeln. »Ich lache dich nicht aus. Ich bin eigentlich eher neidisch auf euch zwei. Verliebt sein ist … schön.« Etwas hastig wandte er sich ab, stellte den Autopiloten an und verließ das Deckshäuschen, um seinen Bass zu holen.

Fünf Minuten später waren die Jungs schon wieder an Deck und machten es sich mit ihren Instrumenten in der Sitzecke am Heck bequem. Kurz darauf brachte Tess Aleas Gläser auf einem Tablett nach oben und stellte sie auf dem Tisch ab.

»Du bist ein Schatz«, bedankte sich Alea. Dann erschrak sie. Durfte sie so etwas überhaupt zu Tess sagen? Schnell setzte sie sich und fing an, ihre Gläser zu stimmen.

Kurz darauf waren sie bereit. Ben zählte an, und sie rockten los. Alea spielte erst ab der zweiten Strophe mit, und so konnte sie zunächst zuhören und die anderen beobachten. Sammy war ein verdammt guter Drummer. Er drosch mit einer enormen Spielfreude und mit untrüglichem Rhythmusgefühl auf seine Cajón ein. Zur Unterstützung stampfte er mit seinen nackten Füßen auf den Boden, sodass die alten Balken der Crucis ächzten.

Ben war eigentlich Gitarrist, aber als Lennox an Bord gekommen war und sich als Naturtalent entpuppt hatte, war Ben auf den Bass umgeschwenkt. Den spielte er ebenfalls sehr gut, doch bei ihren Straßenauftritten war es wohl vor allem Bens Aussehen, das Aufmerksamkeit auf sich zog. Ben war groß, sportlich, immer braun gebrannt und hatte eine Frisur, die eines Rockstars würdig war.

Für Lennox war seine Gitarre über viele Jahre sein bester Freund gewesen, und es verging kein Tag, an dem er nicht spielte. Seine Riffs und Soli waren einfach fantastisch, und Alea platzte immer beinahe vor Stolz, wenn er vor einer Menschenmenge seine Flitzefinger über den Gitarrenhals jagen ließ.

Jetzt begann Tess zu singen. Tess, der geborene Superstar. So zumindest empfand es Alea. Wenn Tess sang, bekam sie jedes Mal eine Gänsehaut. Diese ausdrucksstarke, kratzige Rockröhre ging einem durch Mark und Bein. Im Alltag versuchte Tess sich meist hinter einer Maske aus Unantastbarkeit zu verstecken, aber in die Musik legte sie all ihr Gefühl und wirkte vielleicht gerade dadurch stärker denn je. Außerdem spielte Tess ziemlich gut Akkordeon, und der Klang dieses Instruments machte den Sound der Alpha Cru ungewöhnlich. Vielleicht waren es aber auch Aleas Gläser, die mit ihrer zart verträumten, beinahe mystischen Klangfarbe etwas in ihre Musik einbrachten, was man in dieser Art wohl noch nicht oft gehört hatte.

Nun kam ihr Einsatz. Alea spuckte sich auf die Fingerspitzen und ließ sie geübt über die Gläserränder gleiten. Sie fügte sich perfekt in die Band ein. Nicht zum ersten Mal überkam sie dabei das Gefühl, dass die Mitglieder der Alpha Cru auf irgendeine Weise über sich selbst hinauswuchsen, wenn sie gemeinsam spielten. Sie waren dann nicht mehr nur fünf einzelne Herzschläge, sondern einer – ein einziger starker Herzschlag, in dem die ganze Macht der Musik zu liegen schien.

Viel zu rasch war das Lied zu Ende. »Sofort das nächste!«, bat Alea, die noch lange nicht genug hatte. In den Gesichtern der anderen erkannte sie, dass es ihnen genauso ging.

Sammy schob den alten Strohhut zurück, den er meist beim Musizieren trug. »Oder wir schreiben zusammen einen Song!«

Darüber hatten sie tatsächlich schon öfter gesprochen, es aber noch nie probiert. Tess war eine geübte Songwriterin, die anderen besaßen hingegen noch nicht so viel Erfahrung damit. Nur Alea hatte schon einmal zusammen mit Tess ein Lied geschrieben, Zu dir, und obwohl sie mit dem musikalischen Ergebnis sehr zufrieden war, hatte die ganze Sache ein riesiges Missverständnis zwischen ihr und Tess heraufbeschworen.

»Wir sollten das langsam echt mal machen«, fand Ben.

»Wird sicher nicht so leicht«, wandte Lennox ein.

Tess widersprach ihm. »Du kannst das bestimmt, Scorpio.«

Lennox stutzte, ging aber nicht auf Tess’ Kommentar ein. »Komponieren ist ’ne Kunst«, sagte er zu Ben.

Tess schnitt eine Grimasse. In den vergangenen Tagen hatte sie sich sehr darum bemüht, nett zu Lennox zu sein. Wegen des Missverständnisses war er ziemlich sauer auf sie, und Tess versuchte die Wogen zu glätten. Lennox ließ sie allerdings meist ungerührt abblitzen.

Alea sah, dass es Tess verletzt hatte, von Lennox wieder einmal wie Luft behandelt zu werden. »Ich finde auch, dass wir es versuchen sollten«, sagte sie deshalb zu ihr.

Zaghaft lächelte Tess. »Bon.« Sie setzte sich aufrecht hin. »Worum soll es in unserem Lied gehen?«

»Um uns!«, war Sammys umgehende Antwort. »Darum, dass wir die weltweit beste Straßenband sind!« Er sprang auf. »Weltbestband!«

»Gar keine üble Idee«, stimmte Ben zu. »Es wäre nicht schlecht, sich zur Abwechslung mal wieder auf die schönen Sachen zu konzentrieren.« Damit spielte er wohl auf Doktor Orion an. Aber daran wollte Alea jetzt nicht denken.

»Ja!«, rief sie. »Schreiben wir darüber, wie es ist, in dieser Band zu sein!«

»Es ist magisch!«, flüsterte Sammy geheimnisvoll und nickte, als wollte er sich selbst beipflichten. »Das Wort Magie muss unbedingt im Text vorkommen. Und an irgendeiner Stelle will ich Eyo-Ba-Ba-Eyo singen.«

»Eyo-Ba-Ba-Eyo?«, staunte Alea.

»Das klingt doch hammer, oder?« Sammy strahlte, und Alea wuschelte ihm durch die Haare.

»Warum nicht.« Tess zuckte mit den Schultern. »Machen wir’s.«

Und so machten sie es. Sammy gab einen Rhythmus vor, und Tess spielte drauflos. Ben stieg ein und schließlich auch Lennox und Alea. Dann tüftelten sie herum, diskutierten, verbesserten, feilten, schrieben einen Text. Und schließlich war ihr erster eigener Song fertig, und sie spielten das Lied zusammen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Sie hätten es bestimmt auch noch ein paar weitere Male gespielt, wenn nicht plötzlich zwei Möwen auf dem Deck gelandet wären.

Als Tess die Vögel sah, zuckte sie zusammen und duckte sich. Sie hatte fürchterliche Angst vor Möwen, denn als Kind war sie einmal von einer angegriffen worden, die ihr fast das linke Auge ausgehackt hatte.

Alea und die anderen sprangen sofort auf und begannen mit dem Möwenvertreibungsprogramm. Sie wedelten mit den Armen und schrien herum, bis die beiden Tiere davonflogen. Am Himmel kreisten jedoch noch mehr.

Bens Miene verdunkelte sich. »Da stimmt was nicht«, murmelte er. »Wieso sind so weit draußen auf dem Meer so viele Vögel unterwegs?«

»Die dahinten sind ziemlich aufgeregt.« Sammy wies zum Horizont. Dort flogen tatsächlich unzählige Vögel wild durcheinander.

Lennox’ Augen verengten sich. »Das sieht aus, als würden sie vor etwas fliehen«, sagte er alarmiert und lief zum Deckshäuschen. Mit zwei flinken Sprüngen war er auf dem Dach und von dort aus mit einem Satz am Hauptmast. In Windeseile kletterte er daran hoch.

»Alter …«, stieß Sammy beeindruckt hervor.

Oben hielt Lennox nach dem Ausschau, was die Vögel aufgescheucht haben könnte. »Verdammt!«, fluchte er. »Hubschrauber!« Er flog geradezu vom Mast herunter und landete geschmeidig wie eine Katze auf den Planken.

Alea hatte aber keine Zeit, ihn dafür anzuhimmeln. »Orions Hubschrauber?«, keuchte sie. Kurz nach ihrer Flucht hatten Doktor Orion und seine Leute das Meer schon einmal aus der Luft nach ihnen abgesucht.

Im nächsten Augenblick hörten sie schon das Geräusch der Rotorblätter. Ben rannte nach Steuerbord zur Reling. Von dort schien es zu kommen. Und dann sahen sie sie. Zwei Helikopter näherten sich. Sie flogen dicht über dem Wasser.

»Mein Gott …« In Bens Gesicht spiegelte sich blanke Angst. »Es sind wirklich Orions Leute!«

»Woher weißt du das?«, rief Tess.

Ben schrie fast. »Die haben ein Netz zwischen sich!«

Alea gefror das Blut in den Adern. Jetzt sah sie es auch. Die beiden Hubschrauber hatten zwischen sich ein riesengroßes Netz gespannt, das sie über die Wasseroberfläche zogen. Als wollten sie etwas fangen. Etwas Unsichtbares.

»Die wollen die Crucis damit erwischen!«, gellte Tess.

Ben fuhr zu ihnen herum. »Wendemanöver! Motor an!« Sie mussten so schnell wie möglich hart nach Backbord drehen, denn die Hubschrauber kamen direkt auf sie zu. »Alle hören auf mein Kommando!«, donnerte er mit der ganzen Autorität eines Kapitäns. »Draco, Motor! Taurus und Aquarius, Vorsegel! Scorpio, Verteidigung!«

Sie verloren keine Sekunde. Ben rannte zum Deckshäuschen, Sammy zum Motor, Alea und Tess zum Segel, und Lennox sprang mit erhobenen Fäusten auf die Reling am Bug, als wollte er sagen: Kommt nur her!

Sobald Ben hinter dem Steuerrad stand, brüllte er: »Klar zur Wende!«

Tess und Alea hatten bereits die Schot von der Klampe gelöst und hielten das Seil des Vorsegels. »Ist klar!«

Der Motor fing an zu rattern. »Motor läuft!«, schrie Sammy.

Ben riss das Steuer herum. Das Schiff schwankte und fuhr hoch am Wind. Jetzt musste die Crucis beweisen, dass sie etwas aushalten konnte.

Mit aller Kraft hielten Tess und Alea das Seil, bis das Segel umschlug und das Schiff sich in die neue Richtung drehte. Gleich darauf schlug auch das Hauptsegel um.

Alea sah die Hubschrauber herankommen, das Netz wie ein weit geöffnetes Maul zwischen sich. Nur noch wenige Augenblicke, dann würden sie hier sein.

Ben lenkte mit aller Kraft, und die Crucis wendete vollständig nach Backbord.

Die Helikopter flogen unaufhaltsam näher. Und dann waren sie da. Mit ohrenbetäubendem Lärm dröhnten sie über sie hinweg – hinter ihnen vorbei. Denn das Netz verfehlte das Heck der Crucis um Haaresbreite.

Alea riss den Kopf herum und sah hinauf. Im rechten Hubschrauber erkannte sie Orion. Doktor Aquilius Orion. Konzentriert suchten seine Augen das Meer ab, und doch hatte er keine Ahnung, dass sie sich direkt unter ihm befanden.

Das nette Gesicht des Doktors mit der harmlosen Brille ließ Wut in Alea hochkochen. »Wir sind hier!«, brüllte sie gegen den Hubschrauberlärm an. »Ha, du siehst uns nicht!«, schrie sie voll Zorn dem Mann zu, der sie belogen, betrogen und verraten hatte. Dem Mann, der schuld am Untergang einer ganzen Zivilisation war. Dem Mann, der ihre Mutter getötet hatte. »Du kriegst uns nicht!«, schrillte sie und war wie von Sinnen. »Du kriegst uns nicht!«

Da war Lennox bei ihr und hielt sie fest. Sobald er sie umarmte, brach Alea zusammen und begann haltlos zu weinen.

Die Hubschrauber entfernten sich, wurden immer leiser, bis schließlich nur noch das Rauschen der Wellen und das Kreischen der aufgebrachten Möwen zu hören war.

Alea weinte in Lennox’ Armen. Mit einem Mal brach die ganze zurückgehaltene Angst der vergangenen Tage aus ihr heraus und entlud sich in schnellen, zuckenden Schluchzern.

Sammy liefen ebenfalls Tränen übers Gesicht.

Tess wirkte wie erstarrt.

Ben ließ sich schwer auf einer Kiste nieder. »Das war… so was von knapp.«

»Aber wir haben es geschafft«, entgegnete Lennox mit fester Stimme. »Wir sind entkommen.« Er klang stark. Ungebrochen.

Alea schloss die Augen und nahm sich ein Stück von Lennox’ Mut. Zitternd atmete sie durch und wischte ihre Tränen fort.

»Orion hat uns zum dritten Mal nicht erwischt«, fügte Lennox grimmig hinzu. »Und er wird uns niemals kriegen. So wahr ich Lennox Scorpio heiße!«

»So wahr wir die Alpha Cru sind!«, sagte Alea und richtete sich auf. Sie hatte genug geweint. Entschlossen streckte sie die Hand nach vorn.

Lennox legte seine darüber. Tess, Ben und Sammy kamen zu ihnen, einer nach dem anderen. Dann streckten auch sie ihre Hände vor.

Im Wind des Nordmeers erklang ihr Bandenruf laut und herausfordernd, so als wollten sie damit nicht nur Doktor Orion, sondern auch ihre eigene Angst bezwingen. »Alpha Cru!«


Nächste Leseprobe: Die Botschaft des Regens

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