Alea Aquarius Wiki
Advertisement
Alea Aquarius Wiki

Der Wal hing in einem Fischernetz fest und konnte dem Schiff nicht ausweichen, das genau auf ihn zusteuerte. Wenn es ihn erwischte, hatte er keine Überlebenschance.

Als der Wal sie entdeckte, rief er markerschütternd.

Ihr wurde eiskalt. Das Schiff kam immer näher. Die Bugwelle zerrte an ihr, und das Dröhnen des Motors wurde lauter und lauter.

Da befreite sich der Wal mit ein paar wilden Bewegungen aus dem Netz und hetzte davon.

Doch im nächsten Augenblick fuhr das Schiff laut donnernd über sie hinweg. Und dann kam der Sog. Er war so stark, dass er sie gnadenlos unter den Rumpf zog. Es gab nichts, was sie tun konnte. Wie eine hilflose kleine Puppe wurde sie herumgewirbelt, und sie wusste, dass sie in der nächsten Sekunde gegen den Schiffsrumpf prallen würde.

Aber das geschah nicht. Denn plötzlich waren da lange, starke Fangarme, die sie ergriffen und nach unten zogen…

Klabautermann

Alea stand am Bug des Schiffs und schaute auf das graue Meer, das wie ein alt gewordener, verblichener Teppich vor ihr lag. Die bunt schimmernden Farben, die eine Walwanderin wie Alea normalerweise im Wasser sah, waren fort, vertrieben vom Öl der norwegischen Bohrinsel-Katastrophe. Zwar befand sich die Crucis auf dem Ärmelkanal vor Belgien – Hunderte von Seemeilen von Norwegen entfernt –, doch die Auswirkungen der Ölpest reichten bis hierher.

Alea seufzte. Wie empfindlich das Meer war! Und wie schützenswert. Für sie, eine der letzten Töchter der See, war es unbestreitbar, dass Wasser einen eigenen Geist, eine Seele besaß. Diese steckte in jedem einzelnen Tropfen, vom kleinsten Bachlauf bis zum gigantischsten Ozean. Und jeder, der dem Wasser schadete, verletzte es damit so, als würde er ein Tier oder einen Baum verwunden. Doch darüber hatten sich die Bohrinsel-Betreiber offenbar keine Gedanken gemacht und ihren eigenen Vorteil rücksichtslos über das Wohl des Meeres gestellt. Andere Menschen schädigten die Ozeane sogar ganz bewusst…

Fröstelnd zog sich Alea den Schirm ihrer Mütze tiefer ins Gesicht, als könnte sie sich damit vor den aufkommenden Gedanken schützen. Da sie jedoch eine ausgesprochene Grüblerin war, dachte sie natürlich trotzdem an den Mann, der ein Vermögen damit verdiente, illegal Müll in den Ozeanen abzuladen – Doktor Aquilius Orion. Mit einem ganzen Heer aus Gretzern verpestete er das Wasser völlig skrupellos. Dabei war er zur Hälfte selbst ein Meermensch!

Alea runzelte die Stirn. Vielleicht fühlte man sich gar nicht automatisch dafür verantwortlich, das Meer zu schützen, nur weil man ein Meermensch war? Die Landgänger fühlten sich ja auch nicht zwangsläufig verantwortlich für die Pflanzen, Wälder und Tiere an Land. Aber was machte einen Meermenschen dann aus? Alea wusste es nicht.

Sie wusste so vieles nicht über ihr Volk! Doch es gab jemanden, der ihr alles würde erklären können: Nelani. Ein kleines Lächeln stahl sich in Aleas Gesicht. Sie konnte noch immer kaum fassen, dass ihre leibliche Mutter noch lebte und dass sie sie tatsächlich gefunden hatte.

Schnell schob sie ihre Mütze wieder ein Stück nach oben, sodass sie das Meer besser im Blick behalten konnte. Kleine graue Kräuselwellen ohne Schaumkämme bestimmten heute das Bild. Alea hoffte, dass sie eine Wanderernachricht von Nelani in dieser fahlen Wasserlandschaft sofort entdecken würde. Seit gestern hielt sie konzentriert danach Ausschau, denn die Crucis war getarnt und allein Finde-Finjas konnten sie aufspüren. Für andere Magische und für magische Botschaften war das Schiff ebenso unsichtbar wie für Landgänger. Der Gedanke, dass eine Nachricht ihrer Mutter verloren gehen könnte, war für Alea kaum zu ertragen.

Erst am vorherigen Tag war sie Nelani in Brügge zum ersten Mal begegnet und hatte sie auf der Flucht vor Orion und seinen Männern gleich wieder verloren. Allerdings hatten sie einen Treffpunkt ausmachen können: das nordfranzösische Oye-Plage, das bei gutem Wind kaum mehr als einen Segeltag von Brügge entfernt lag. Das Problem war nur, dass der Wind sich gelegt und offenbar beschlossen hatte, eine Ruhepause einzulegen. Die Crucis kam kaum vom Fleck.

Abermals seufzte Alea und grübelte weiter. Am liebsten wollte sie auch ihren Vater, Keblarr, wissen lassen, dass Nelani noch lebte. Doch sie hatte keine Ahnung, wo er nach ihrer Flucht aus der Villa Konungur untergetaucht war. Vielleicht in dieser isländischen Stadt mit dem schwierigen Namen? Könnten Nelani und sie ihn womöglich gemeinsam finden?

Alea senkte den Blick. Vielleicht war es keine gute Idee, davon zu träumen, dass sie eines Tages alle wieder vereint sein würden – Nelani, Keblarr, sie selbst … und Anthea. Alea kribbelte es augenblicklich am ganzen Körper, wie so oft, wenn sie an ihre Zwillingsschwester dachte. Rasch zog sie den magischen Fotostein aus ihrer Hosentasche, auf dem Anthea und sie als schwimmende Babys zu sehen waren. Es war unmöglich, die beiden abgebildeten Kinder auseinanderzuhalten. Sie waren so gut wie identisch. Eineiig. Vorsichtig strich Alea um die Gesichter auf dem Stein herum. Ob Anthea ähnlich dachte und fühlte wie sie selbst? Bei eineiigen Zwillingen kam das oft vor, oder nicht? Wenn sie ihre Schwester nur ebenfalls finden könnte!

Versunken schaute Alea wieder aufs Meer und hing ihren Gedanken nach. Wusste Nelani vielleicht, wo Anthea war?

Als Alea erneut auf den Fotostein blicken wollte, war er plötzlich nicht mehr da. Verdutzt starrte sie auf ihre Hand. Wo war der Stein hin? War er ihr heruntergefallen? Sie sah sich um und entdeckte ihn auf einer Kiste ein paar Meter entfernt. Verwundert zog sie die Brauen zusammen. Wie war er denn dorthin gekommen?

Alea schnappte nach Luft. Neben dem Stein lag ihre meerblaue Lieblingsmütze! Die, die sie soeben noch getragen hatte! Ihre Hand fuhr in die Höhe. Tatsächlich. Auf ihrem Kopf war keine Mütze mehr. Alea hatte gar nicht gemerkt, dass sie fortgeflogen war! Aber nein, das war ja auch nicht möglich. Es herrschte absolute Windstille. Außerdem hätte die Mütze niemals so akkurat neben dem Fotostein auf der Kiste landen können. Was ging hier vor sich?

Mit höchster Aufmerksamkeit ging Alea zu den Sachen hinüber. Dabei merkte sie, dass direkt neben der Kiste ein großer Haufen Sand lag. Und aus diesem kam ein eigenartiges Geräusch. Sie legte den Kopf schief und lauschte. Es klang wie das Heulen eines Gespensts, das sich sehr viel Mühe gab, besonders unheimlich zu klingen. Gleich darauf begann der Haufen sich zu bewegen! Sandwellen bäumten sich aus seinem Inneren auf und formten sich nach und nach zu einer grauenerregenden Fratze.

Bei Alea regte sich allerdings kein Grauen. Stattdessen verschränkte sie die Arme und rief: »Ahoi!«

Der Sandhaufen erstarrte.

Alea schmunzelte. »Gar nicht schlecht, Kobold!«, sagte sie. »Aber ich falle trotzdem nicht darauf rein.«

Der Sandhaufen bewegte sich nicht. Die schauerliche Fratze sah aus, als überlegte sie, wie sie reagieren sollte.

»Komm einfach raus«, schlug Alea vor. »Den Rest deiner Gruselshow kannst du dir sparen.«

Die Fratze rieselte in sich zusammen. Alea hörte, wie es im Inneren des Haufens scharrte und schrappte, und dann lugte ein Kopf aus dem Sand hervor. Er war klein, knollennasig, knautschgesichtig und knallgelb.

»Du bist ein Meermädchen?«, wunderte der Kobold sich. »Aber es gibt doch gar keine mehr …« Er zog die dicke Knollennase kraus. »Versandet noch mal!«

Alea lachte, aber dann merkte sie, dass dem Kobold wohl nicht nach Lachen zumute war. Vielmehr wirkte er sauer. »Doppelt versandet noch mal!«, fluchte er und krabbelte aus dem Sand. Dann klopfte er sich großspurig auf den kugelrunden Bauch. »Ich bin McDonnahall. Der beste Klabautermann der Welt!«

»McDonnahall?« Beinahe hätte Alea schon wieder gelacht, aber diesmal verkniff sie es sich. »Schön, dich kennenzulernen«, sagte sie freundlich. »Wie hast du unser getarntes Schiff gefunden?«

Der Kobold stemmte die Hände in die Seiten. »Ihr seid echt laut!«, rief er. »Dieses Singen, Lachen und Rumstreiten hier an Bord hört man bis Suun Amuun! Ich bin den Geräuschen nachgeschwommen, bis ich mit dem Kopf gegen euren Rumpf geknallt bin. Die vielen Skorpionfische am Schiff sind ziemlich ungewöhnlich, aber ich hab gedacht, vielleicht haben die alten Verhüllungs-Heiopeis ja Humor entwickelt und spielen den Landgängern einen Streich. Wär ein Brüller gewesen.« Er verzog das ohnehin knautschige Gesicht. »Ich hatte jedenfalls große Pläne für dieses Schiff – unfassbar ausgeklügelten Schabernack, mit dem ich der Crew an Bord die schlaflosesten Nächte ihres Lebens beschert hätte!« Seine Augen blitzten auf. Aber dann passten sie sich schnell wieder dem Rest seines Motzgesichts an. »Und jetzt kann ich das alles vergessen. Dreifach versandet noch eins!«, wetterte er. Dann schien ihm etwas einzufallen. »Sag mal, was macht ihr Meerkinder überhaupt hier? Wenn ihr das Glück hattet, den Virus zu überleben, seid ihr doch bekloppt, auf ein Schiff zu gehen! Hier ist überall drum herum Wasser!« Weit ausholend, wackelte er mit den Armen, als wollte er Alea verständlich machen, wo überall sich Wasser befand – falls sie das eventuell nicht bemerkt hatte.

Auch dieses Mal lachte Alea nicht. Der Virus war alles andere als zum Lachen. Vor elf Jahren hatte er fast die gesamte Meermenschheit ausgelöscht. Es gab nur wenige Überlebende, und diese mussten kaltes Wasser unbedingt meiden. Denn der Virus befand sich immer noch darin, und er war tödlicher denn je.

Alea wollte McDonnahall gerade erklären, dass sie gegen den Virus immun war und sich im Meer aufhalten konnte, ohne irgendeinen Schaden zu nehmen. Aber da stapfte der knallgelbe Kobold schon schimpfend an ihr vorbei.

»Jetzt muss ich mit einem anderen Schiff noch mal von vorn anfangen«, meckerte er vor sich hin. »Es hat mich den ganzen Morgen gekostet, mein unglaubliches Mitternachts-Gemüffel vorzubereiten. Ich kann nämlich viel mehr, als nur Bilder in Sandhaufen zu malen! Nu ist alles für die Katz.« Er hüpfte auf die Reling und sprang, ohne sich zu verabschieden, in die Wellen.

Mit schief gelegtem Kopf schaute Alea ihm nach. Sie mochte Wasserkobolde. Leider hielten andere magische Völker oft nicht viel von ihnen und nahmen sie nicht ernst. Doch alle Kobolde, die Alea bisher kennengelernt hatte, waren wahre Helden gewesen.

Als sie sich nun ihre meerblaue Lieblingsmütze wieder aufsetzte und den Fotostein in die Tasche zurücksteckte, kam jemand von unten an Deck. Aleas Herz machte einen Sprung, als sie sah, dass es Lennox war. Lennox Scorpio, der Krieger des Vergessens, persönlicher Bodyguard und Freund. Boyfriend. Alea war über beide Ohren in diesen Krieger verliebt und dem Schicksal unendlich dankbar, dass Lennox und sie sich gefunden hatten. Lächelnd schaute sie ihm nun entgegen. Seine azurblauen Augen lächelten verschmitzt zurück, und sein dunkles Haar hing ihm wild und tief in die Stirn. Aleas Herzschlag beschleunigte sich noch einmal, als Lennox mit einer lässigen Bewegung ein Seil in eine Ecke pfefferte und dabei seine Armmuskeln hervortraten.

Aleas Gesicht begann wehzutun, und sie merkte, wie extrem breit sie Lennox anstrahlte. Nun musste sie lachen.

Schon war Lennox bei ihr und begrüßte sie mit einem kleinen Kuss. Alea entfuhr ein leiser Seufzer. Gleichgültig, wie kurz ein Kuss auch war, Lennox schloss immer die Augen, wenn er sie küsste. Wenn sie nur mehr Möglichkeiten hätten, auf diesem kleinen Schiff auch einmal ungestört zu sein! Vielleicht könnten die Küsse dann öfter mal etwas länger werden.

Trampelnde Schritte erklangen. Gleich darauf stürmte das jüngste Alpha-Cru-Mitglied durch die Bordtür. Samuel Draco. Bestabenteurer, Schatzhüter, Drachenherz, Philosoph. Er war wie so oft barfuß, trug ein altes T-Shirt mit der Aufschrift Aus dem Weg, ich muss tanzen! und seinen großen schwarzen Zylinder. »Hier komm ich!«, verkündete er beim Laufen – oder vielmehr beim Hüpfen, denn das tat er, wann immer es ging. Er stoppte zackig vor Alea und zog mit elegantem Schwung den Hut. »Samuel Draco – ist das Leben auch hart, ist er trotzdem am Start.« Sammy liebte pompöse Auftritte und nahm jede Gelegenheit wahr, aus einem ganz normalen Moment etwas Großes zu machen.

Alea liebte das an ihm. Spontan zog sie ihn in ihre Arme. Sammy war in den vergangenen Wochen eine enorm wichtige Stütze für sie gewesen, obwohl er erst neun Jahre alt war. Doch er brachte es immer wieder fertig, für Hoffnung und Optimismus zu sorgen und in allem das Gute zu sehen. Und falls sich etwas dennoch als schlecht herausstellte, lachte er es fachkundig zur Seite. Alea wusste zwar, dass auch Sammy hin und wieder dunkle Momente hatte, aber er ließ sich nie von ihnen unterkriegen und fand immer zu seinem überbordenden Enthusiasmus für sich selbst und für überhaupt alles zurück.

Aleas Umarmung erwiderte der kleine Kuschelkönig natürlich gern und schnurrte dabei wie eine Katze. Dann war er fertig mit Schnurren und fragte: »Wo ist Scorpio?«

»Ich bin hier«, antwortete Lennox, der gleich neben Alea stand. Sobald er sprach, wurde er für Sammy sichtbar. Landgänger übersahen Oblivionen meist, wenn diese sich nicht bewusst bemerkbar machten oder jemand auf ihre Anwesenheit hinwies. Und Lennox war ein Oblivion. Zumindest ein halber.

»Scorpio, das ist echt dein bester Trick, du Phantom!« Sammy boxte ihm gegen die Schulter. »Beim Versteckspielen warst du früher bestimmt immer der King, oder?«

Lennox hob leicht die Achseln. »Mit mir hat früher nie jemand gespielt …«

Sammy und Alea wussten, wie schwierig Lennox’ Kindheit gewesen war. Aber Sammy sagte nur: »Wenn jemand mit dir Verstecken gespielt hätte, wärest du jedenfalls unschlagbar gewesen, so viel steht fest.« Übergangslos fügte er hinzu: »Wir müssen über etwas reden.«

»Über was?«, fragte Lennox alarmiert.

Alea sagte nichts, denn sie bemerkte den Anflug eines Schlawiner-Lächelns in Sammys Mundwinkeln und ahnte, dass ihnen das kleine Schlitzohr nichts allzu Bedrohliches mitzuteilen hatte.

Sammy setzte ein bestürztes Gesicht auf. »Bens Haare liegen heute schlecht. Sagt nichts, wenn ihr ihn seht, ja?«

Alea und Lennox nickten ernst.

Wie aufs Stichwort trat Ben durch die Bordtür. Benjamin Libra war der Skipper der Alpha Cru, ein verantwortungsbewusster Kapitän mit feinem Gespür für die Belange seiner Crew, mit einem reichen Wissensschatz über Wind, Wetter und die Welt – und mit platten Haaren.

Alea wunderte sich. Ben hatte doch eigentlich die coolste Frisur von ihnen allen!

»Sie sind zu lang!«, rief Sammy, der den Anblick anscheinend kaum ertragen konnte und kurzerhand sein eigenes Schweigegebot brach.

Ben wirkte irritiert. »Wer ist zu lang?«

»Ich muss dir die Haare schneiden, sofort!« Sammy flitzte unter Deck. Gefühlte zehn Sekunden später war er mit einer Schere zurück. »Hinsetzen!«, forderte er seinen großen Bruder auf. Der fügte sich in sein Schicksal und nahm auf einem aufgerollten Tau Platz.

Sammy umrundete Ben dreimal mit kritischem Blick, dann begann er zu schneiden. Die Haarspitzen flogen nur so durch die Luft, und Alea wurde klar, wo Ben seinen lässigen Look herhatte.

Überrascht sagte Lennox: »Wir haben einen Frisör an Bord!«

»Ich bin Künstler«, berichtigte Sammy, während er konzentriert an seinem Meisterwerk arbeitete. Wenige Minuten später war er fertig. Bens Rockstar-Frisur stand in frischem Glanz in die Höhe.

Zufrieden nickte Sammy. »Jetzt kannst du wieder unter die Leute, Bruderherz.«

»Hinreißend!«, hörten sie eine Stimme mit französischem Akzent. Das fünfte Cru-Mitglied kam gerade aus dem Deckshäuschen. Es war Tess Taurus. Phänomenale Rockröhre, verlässlicher Dreh- und Angelpunkt des alltäglichen Lebens auf der Crucis, loyale Freundin und Kratzbürste. Tess hatte die Vormittagsschicht am Steuer gehabt. »Du siehst aus wie ein richtiger Posterboy«, neckte sie Ben. Der stieß sie leicht in die Seite, und Tess tat, als müsste sie sich vor Schmerz krümmen.

»Ich kann nichts dafür, dass ich der Hübscheste an Bord bin«, konterte Ben.

»Quatsch!«, rief Sammy. »Der Hübscheste ist Scorpio!«

»Nein, Alea!«, kam es wie aus der Pistole geschossen von Tess. Sie erstarrte. Dann griff sie hastig nach einem Besen und fing an, die abgeschnittenen hellbraunen Haarspitzen wegzufegen.

Lennox verzog keine Miene. Alea vermutete jedoch, dass ihm Tess’ Bemerkung ganz und gar nicht gefiel. Denn Tess hatte Alea vor einiger Zeit geküsst. Zwar hatte sie später gesagt, es sei ein »Versehen« gewesen und die Gefühle, die sie anfangs für Alea gehabt hätte, seien nicht mehr da. Aber Alea war sich nicht sicher, ob das stimmte. Und Lennox auch nicht. Er war zwischenzeitlich sogar ziemlich eifersüchtig und verunsichert gewesen. Alea war die Freundschaft mit Tess aber sehr wichtig, und deswegen bemühten sich alle, so vernünftig wie möglich mit der Situation umzugehen. Lennox und Tess verband ihrerseits zwar keine tiefe Freundschaft, aber sie behandelten einander inzwischen wieder ganz normal. Wenigstens versuchten sie es. Wenn Tess so etwas wie gerade herausrutschte, war das bestimmt nicht leicht für Lennox, aber er ließ sich nichts anmerken.

Tess wechselte das Thema. »Hab ich da eben richtig gesehen?«, fragte sie. »Ein Kobold war an Bord?« Offenbar hatte sie McDonnahall durch das große Fenster des Deckshäuschens bemerkt.

»Ja!« Alea erzählte von dem missglückten Gruselüberfall des Klabauterkobolds und redete allen ins Gewissen: Sie mussten leiser sein, sonst konnten sie trotz Tarnung gehört und womöglich gefunden werden!

Während sie sprach, kam auf einmal ein leichter Wind auf. Leise klopfte er an und fuhr ihnen wispernd durchs Haar. Wie elektrisiert sahen die Mitglieder der Alpha Cru einander an.

»Eine Brise aus Nordwest!«, japste Tess.

»Segel setzen!«, donnerte Ben mit Kapitänsstimme und gab das entsprechende Handzeichen. »Taurus, Draco – Vorsegel. Scorpio, Aquarius – Hauptsegel.«

»Aye, aye, Käpten!«, riefen sie im Chor und rannten los. Alea und Lennox zogen gemeinsam am Fall das Segel hoch, wenig später folgte die Fock. Ben kümmerte sich indessen darum, dass das Schiff gut im Wind lag. Jeder wusste genau, was zu tun war, und gemeinsam arbeiteten sie präzise wie ein Uhrwerk.

Sobald die Segel gehisst waren, reckte Alea sich dem Wind entgegen. Wenn die Brise stark genug war, würde sie ihr Schiff innerhalb kürzester Zeit bis nach Oye-Plage bringen.

Ben, Tess und Sammy traten zu Alea und Lennox an den Mast, und gemeinsam blickten sie zu den gewölbten Segeln der Crucis hinauf. Vom frischen Wind getrieben, rauschte ihr alter, sturmerprobter Kahn mit stolz geschwellter Brust gen Süden. Die Alpha Cru segelte wieder. Sie war noch immer wild entschlossen. Sie war noch immer nicht besiegt.

Alea streckte die Hand in die Mitte. Einer nach dem anderen legte seine darüber, und mit ungehemmter Kraft erscholl ihr Bandenruf über die Kräuselwellen und Windwogen des Ärmelkanals: »Alpha Cru!«

Nächste Leseprobe: Der Fluss des Vergessens

Advertisement