Alea Aquarius Wiki
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Alea Aquarius Wiki

Sie sah das Wasser auf sich zukommen. Sie schrie. Dann stürzte sie hinein. Der Aufprall war hart, als würde sie im vollen Lauf gegen eine Tür rennen, doch schon im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür und ließ sie ein. Das eiskalte Wasser schlug über ihr zusammen. Verzweifelt begann sie, mit den Beinen zu strampeln und mit den Armen zu rudern. Ihr Verstand sagte ihr, dass ihr Tod kurz bevorstand. Doch ihr Herz schien zu widersprechen. Es schlug laut und schnell, rasend schnell, aber es raste nicht aus Angst. Plötzlich hatte sie das überwältigende Gefühl, dass ihr Herz aus Freude so schnell schlug.

Hamburg

Der Fluss wirkte heute grauer als sonst. Grau und traurig, aber das empfand Alea wahrscheinlich nur so, weil sie selbst traurig war. Mit hängenden Schultern stand sie am Hafen und starrte auf das Wasser. Die Elbe war ein gigantischer Fluss, ein Wasserkoloss, der sich machtvoll ins Land hineinpflügte. Wie oft hatte sie schon hier gestanden und die Elbe beobachtet, ihrem leisen Rauschen gelauscht und ihre Geheimnisse zu enträtseln versucht? Geheimnisse, die sie niemals ergründen würde, denn sie durfte dem Fluss nicht zu nahe kommen – der Elbe nicht und auch keinem anderen Fluss.

Alea warf einen Blick auf ihr Handy. Keine verpassten Anrufe. Natürlich nicht. Wie hätte sie auch einen Anruf verpassen sollen, so angespannt, wie sie immer wieder auf das Display starrte?

Alea verlagerte ihr Gewicht von einem Bein auf das andere. Sie stand schon lange hier, und sie war müde. Seufzend schaute sie sich nach einem Sitzplatz mit ausreichend Abstand zum Wasser um, in dessen Nähe sich keine Pfützen befanden, mit denen Vorbeigehende sie nass spritzen könnten. Aber Pfützen gab es heute ohnehin nicht, denn es hatte seit Tagen nicht geregnet.

Sie entdeckte eine passende leere Bank, die ihre Bedingungen erfüllte. Eine Zeit lang saß sie nun einfach da, hielt ihr Handy umklammert und sah den Menschen zu, die an ihr vorübermarschierten – Touristen und Einheimische, Arbeiter und Leute, die sich mit einem Lunchpaket auf die Kaimauer setzten. Hier war viel los, so wie an jeder von Hamburgs unzähligen Anlegestellen. Alea kannte alle. An jeder hatte sie schon gestanden und aufs Wasser geschaut. Doch diesen Anleger mochte sie besonders gern. Hier fühlte sie sich zu Hause, und ein Gefühl von Zuhause brauchte sie heute dringender denn je.

Alea holte tief Luft und versuchte, die Angst zu unterdrücken, die sich gerade wieder in ihr ausbreiten wollte. Das, was heute geschehen war, war jedoch zu ernst. Ihre Pflegemutter hatte an diesem Morgen einen Herzinfarkt gehabt. Alea war gerade gut gelaunt aufgestanden und hatte überlegt, was sie an ihrem ersten Sommerferientag anstellen würde, als sie Marianne in der Küche entdeckt hatte – kreidebleich und schweißgebadet. Alea hatte sofort den Notarzt gerufen, der ihre Pflegemutter wenig später ins Krankenhaus brachte. Sie war fünfundsechzig Jahre alt und litt schon lange an Herzproblemen, aber Alea hatte immer die Augen davor verschlossen, dass etwas Schlimmes passieren könnte. Denn Marianne war alles, was sie hatte. Falls sie nicht mehr in der Lage wäre, sich um Alea zu kümmern, oder gar sterben sollte, würde das Jugendamt eine neue Pflegefamilie für sie suchen. Und dann müsste sie zu fremden Leuten, die sie nicht kannte und die nichts über ihre Krankheit wussten. Bei dem Gedanken zog sich alles in Alea zusammen. Allein aus Angst vor dem Jugendamt saß sie hier und nicht im Krankenhaus an Mariannes Bett …

Alea spürte, wie das mulmige Gefühl langsam ihren Rücken hinaufkroch. Marianne hatte gesagt, sie würde anrufen, sobald sie telefonieren konnte. Das Handy würde bestimmt jeden Moment klingeln. Jeden Moment …

Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sie wollte nicht weinen, aber sie fühlte sich einfach hilflos – und allein.

Ihr Blick fiel auf ihre Hand. Die einzelne Träne, die sie gerade fortgewischt hatte, glitzerte auf ihrem schwarzen Lederhandschuh. Einen Moment lang schien es ihr, als sähe sie etwas in der Träne, als leuchtete darin etwas blau und grün. Aber dann sickerte die Träne in einen Riss im Leder und war verschwunden.

Alea ballte und öffnete ihre Faust mehrmals. Wie bei all ihren Handschuhen hatte sie die Fingerspitzen abgeschnitten, damit sie ihre Hände normal benutzen konnte, aber heute störten sie die Handschuhe trotzdem. Es herrschten siebenundzwanzig Grad, und Alea schwitzte unter dem Leder.

Sie richtete sich auf und versuchte, ruhig zu atmen. Sie musste sich zusammenreißen! Konzentriert ließ sie den Blick über den Hafen schweifen. Vielleicht konnte sie sich mit irgendetwas ablenken, während sie auf Mariannes Anruf wartete. Vertäute Boote schaukelten auf dem Wasser, ein riesiger Verladekran ächzte am anderen Ufer …

Da bemerkte Alea ein uriges, altes Segelschiff, das gerade am Kai anlegte. Am Bug prangte ein fast verwitterter Schriftzug: Crucis. Sie kniff die Augen zusammen und schaute genauer hin, denn das Schiff sah interessant aus. Es hätte dringend einen Anstrich nötig gehabt. Die hellgrüne Farbe an den Seiten blätterte schon ab. Eigentlich wirkte das Boot regelrecht heruntergekommen, sodass man sich fragte, ob es überhaupt noch seetauglich war, aber Alea konnte nicht aufhören, es anzustarren. Obwohl sie nicht hätte sagen können, woran das lag, hatte sie das Gefühl, etwas Außergewöhnliches vor sich zu haben.

Ein kleiner Junge sprang von Bord und machte die Leinen fest. Er war höchstens neun oder zehn Jahre alt. Als er fertig war, hüpfte er wieder aufs Boot und verschwand unter Deck.

Wenig später trat aus dem Deckshäuschen des Schiffes ein Jugendlicher, der die Crucis offenbar gesteuert hatte. So wie der kleine Junge sprang auch er mit einem geübten Satz vom Boot auf den Kai. Er war vielleicht achtzehn Jahre alt, und er sah nett aus. Er war braun gebrannt und hatte ein freundliches Gesicht. Seine Haare waren wild verstrubbelt wie bei einem Rockstar, und im Ärmel seines T-Shirts prangte ein Loch. Außerdem trug er einen Gitarrenkoffer in der Hand.

Alea war dankbar für alles, was sie vom Grübeln und Warten ablenkte, und so beobachtete sie, was der ältere Junge tat. Jetzt spazierte er an ihr vorbei, offenbar in Richtung eines nahe gelegenen Cafés.

Alea merkte, dass sie großen Durst hatte. Sie kramte in ihrem Rucksack, doch dann fiel ihr ein, dass sie ihre Thermoskanne zu Hause liegen gelassen hatte. Normalerweise hatte sie die Kanne immer dabei. Aber nach Mariannes Herzinfarkt hatte sie die Wohnung so überstürzt verlassen, dass sie nicht nur ihre Thermoskanne, sondern auch ihren Regenschirm vergessen hatte – und das war wirklich dumm! Der Himmel war momentan zwar wolkenfrei, aber falls es doch regnen sollte, würde sie ohne Schirm ein ernstes Problem bekommen.

Nun sprang auch der kleinere Junge, der die Crucis soeben festgemacht hatte, leichtfüßig von Bord und machte sich mit einer abgewetzten Trommel unter dem Arm auf den Weg zum gleichen Café wie der Rockstar-Junge. Als der Kleine an ihrer Bank vorbeikam, trafen sich ihre Blicke, und er lächelte sie an. »Ahoi!«, sagte er und zeigte ein breites Zahnlückengrinsen. Alea lächelte verdutzt zurück, da war er schon vorübergegangen.

Sie stand auf. Ohne die Thermoskanne musste sie sich wohl oder übel etwas Warmes zu trinken kaufen. Mit dem Handy in der Hand machte sie sich auf den Weg zum Café. Dort angekommen, entdeckte sie sogleich den kleinen und den großen Jungen, die zusammen an einem Tisch saßen und Limonade tranken. Alea setzte sich an einen freien Tisch in ihrer Nähe. Sie hatte bemerkt, dass der kleinere Junge barfuß war, und das gefiel ihr, obwohl sie selbst niemals mit nackten Füßen herumlaufen würde. Aber diese Jungs schienen ein bisschen freakig zu sein, und sie mochte Freaks. Schließlich war sie irgendwie selbst einer.

Eine Kellnerin kam, und Alea bestellte Tee. »Muss nicht heiß sein, nur warm«, erklärte sie.

Die Kellnerin zog die Augenbrauen zusammen. »Möchtest du vielleicht einen Eistee?«

Alea winkte ab. »Auf keinen Fall!«

Die Kellnerin starrte auf Aleas schwarze Handschuhe. Alea konnte förmlich hören, was sie dachte: Es ist viel zu warm für Handschuhe! Und erst recht für Tee!

Alea lächelte angestrengt, und die Kellnerin hob die Achseln. »Einmal lauwarmen Tee«, fasste sie zusammen und verschwand.

Da bemerkte Alea, dass die Jungs zu ihr herübersahen. Der Kleine rief: »Cooles Outfit!«

Alea zuckte überrascht zusammen, und als sie merkte, dass sie rot wurde, zog sie ihre Schirmmütze tiefer ins Gesicht. Sie trug eine altrosafarbene Seidenjacke, ein Männerunterhemd, mehrere lange Ketten, eine zerrissene Jeans, schwere Boots, ihre meerblaue Lieblingsmütze und eben ihre Handschuhe. Sie wusste, dass das ein ziemlich cooles Outfit war – das war ja auch der Sinn der Sache. Schon vor Jahren hatte Alea damit angefangen, sich extrem ausgefallen anzuziehen, und das aus einem einzigen Grund: um davon abzulenken, dass sie jeden Tag Handschuhe trug. In der Nachbarschaft oder in der Schule wusste niemand etwas von ihrer Krankheit. Ihre Mitschüler und Lehrer glaubten, die Handschuhe wären nur einer von ihren vielen Modeticks. Und Alea fand es weitaus besser, für flippig als für krank gehalten zu werden. Nur Marianne wusste, wie sehr die Krankheit Alea in ihrem täglichen Leben einschränkte und wie viel von ihrer Freiheit sie ihr raubte. Niemand sonst sollte das erfahren, denn Alea wollte kein Mitleid.

»Danke«, nuschelte sie nun und spürte, wie ihre Wangen noch heißer wurden.

Glücklicherweise begannen die Jungs, sich zu unterhalten, und blickten nicht mehr herüber. Unter dem Tisch packten beide belegte Brote aus und bissen immer dann hinein, wenn die Kellnerin nicht in ihre Richtung schaute.

Alea musste lächeln und stellte fest, dass sie am liebsten auch so ein belegtes Brot gehabt hätte. Seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen.

Die Kellnerin brachte ihr den Tee. Er war brühend heiß, und Alea musste ihn erst einmal stehen lassen.

An den Tisch der beiden Jungs trat ein Mädchen. Sie hatte schwarze Haut und lange Dreadlocks, die sie zu einem hohen Zopf zusammengebunden hatte. Darüber hinaus trug sie ein Akkordeon vor der Brust.

»Hallo, Tess«, begrüßte der kleine Junge sie.

»Hi«, gab sie zurück, während sie sich setzte.

»Hast du die Bordtür abgeschlossen?«

Das Mädchen – Tess – schnitt eine Grimasse. »Das habe ich vergessen«, erwiderte sie mit seltsamem Akzent. »Ich geh noch mal zurück.«

Der Junge winkte ab. »Nee, lass ruhig, unseren alten Kahn klaut schon keiner. Wir haben dir was übrig gelassen«, fügte er hinzu und steckte dem Mädchen unter dem Tisch ein Käsebrot zu.

Alea wunderte sich. Das Mädchen war auch an Bord der Crucis gewesen? Waren die drei Geschwister? Nein, bestimmt nicht. Tess hatte schwarze Haut, der kleine Junge war käsebleich und hatte rote Haare, der Rockstar-Junge hellbraune, und ähnlich sahen sie sich alle nicht.

Tess trank das Limonadenglas des älteren Jungen in einem Zug leer. Dann fragte sie: »Seid ihr so weit?«

Die Jungs bejahten. »Da drüben ist ein guter Platz«, erklärte der große Junge und wies auf eine Stelle vor dem Café. Er legte einen Fünfeuroschein auf den Tisch und nahm seine Gitarre aus dem Koffer. Der kleine, rothaarige Junge zückte seine alte Trommel, zog aus ihrem Inneren einen zerknautschten Herrenhut und setzte ihn sich auf den Kopf. Tess schleppte währenddessen ihr Akkordeon vor das Café. Dort stellten sich die drei auf, brachten ihre Instrumente in Position und begannen zu spielen. Sie spielten einen bekannten Rocksong, der durch das Akkordeon ungewöhnlich klang und das Interesse der Leute zu wecken schien. Und dann fing Tess an zu singen. Alea klappte vor Überraschung das Kinn herunter. Tess war eine richtige Rockröhre! Sie schmetterte das Lied mit unbändiger Kraft und einem lässigen Kratzen in der Stimme. Ganz offensichtlich war sie hier der Rockstar! Der größere Junge hatte zwar die entsprechende Frisur und spielte außerdem, wie es Alea schien, recht gut Gitarre – aber Tess stahl ihm komplett die Show. Alle Köpfe drehten sich zu ihr herum. Unterdessen lächelte der Junge an der Gitarre zufrieden und wissend, so als hätte er dies schon öfter erlebt und freute sich darüber.

Als das Lied vorüber war, erklang begeisterter Applaus. Alea klatschte ebenfalls. Der kleinere Junge ging mit seinem Herrenhut herum und sammelte Geld ein. Viele Leute gaben ihm Ein- oder Zweieuromünzen. Als er vor Alea stand, musste sie jedoch den Kopf schütteln. »Tut mir leid, ich muss noch den Tee bezahlen«, sagte sie.

»Aber du hast zugehört!«, rief der Kleine. »Und du fandest es gut! Das hab ich dir angesehen.«

Alea konnte nicht widersprechen. »Ja, aber ich bin total pleite.«

»Sind wir auch immer.« Der Junge grinste. »Trotzdem musst du mir irgendwas geben.«

Sie runzelte die Stirn. »Was denn?«

»Wie wäre es mit deiner Mütze?«

Alea hob abwehrend die Hände. »Kommt nicht infrage! Das ist meine Lieblingsmütze!«

Der Junge überlegte. »Dann deine Handschuhe.«

Alea zuckte zusammen. »Das geht nicht.«

»Warum denn nicht?«, fragte der Junge und blickte sie interessiert an. »Was ist denn mit den Handschuhen?«

»Dann nimm lieber meine Mütze!«, rief sie, statt ihm zu antworten. Rasch zog Alea sie vom Kopf und achtete sorgsam darauf, dass ihre langen, schwarzen Haare nicht zu weit zurückgezogen wurden und dass jene Stellen hinter ihren Ohren verborgen blieben, die unter allen Umständen verborgen bleiben mussten. »Hier«, sagte sie und hielt dem Jungen die Mütze hin.

Der nahm sie verwundert entgegen. »Das ist ja der Hammer! Du gibst mir deine Mütze? Danke!« Strahlend lief er zu den anderen zurück, um ihnen die Mütze zu zeigen. Tess und der ältere Junge schauten erstaunt zu Alea, die ihnen kurz zunickte und dann schnell woanders hinsah. Mist, das war ihre Lieblingsmütze! Aber ihre Handschuhe hätte sie dem Jungen keinesfalls geben können. Sie hätte ihm einfach eine ihrer Halsketten anbieten sollen! Warum hatte sie nicht daran gedacht?

Da kam ein Mann zu Tess und den Jungs und sprach heftig auf sie ein. Der große Junge rief beschwichtigend: »Ist ja gut, wir gehen!« Anscheinend durften sie hier keine Musik machen. Die drei packten zusammen und schlurften mit langen Gesichtern davon. Schade, dachte Alea, wirklich schade.

Sie trank von ihrem Tee. Er war immer noch heiß, aber sie hatte wirklich Durst. Während sie trank, blickte sie abermals auf ihr Handy. Keine verpassten Anrufe. Alea spürte wieder die Angst ihren Rücken hinaufwandern. Wie es Marianne wohl ging? Hatte sie Schmerzen? Kümmerte man sich gut um sie? Würde sie bald wieder auf den Beinen sein? Und was, wenn nicht?

Alea schluckte. Würde vielleicht schon jemand vom Jugendamt auf sie warten, wenn sie nach Hause käme? Falls Marianne für ein paar Wochen im Krankenhaus bleiben musste, würde man Alea dann noch heute woandershin bringen? Gequält presste sie die Lippen zusammen, aber dann zwang sie sich, vernünftig nachzudenken. Es war früher Nachmittag. Sie würde einfach hierbleiben. Sie konnte den ganzen restlichen Tag am Hafen verbringen und auf Mariannes Anruf warten. Sie musste sich doch irgendwann melden …

Alea leerte die Teetasse, bezahlte und schlenderte langsam davon, zurück zu ihrer Bank. Dort setzte sie sich wieder und schaute ziellos umher. Dabei fiel ihr Blick erneut auf die Crucis, die noch immer vertäut am Kai lag. Alea betrachtete das Schiff genauer. Es war zwar renovierungsbedürftig, aber auf dem Dach des Deckshäuschens waren Solarpaneele angebracht, was bestimmt nur bei modernen Schiffen der Fall war. Alles war ein wenig schräg an diesem Boot und passte nicht recht zusammen, und gerade das mochte Alea.

Tess betrat das Deck. Alea schirmte ihre Augen vor der Sonne ab und beobachtete sie. Tess trug irgendetwas Großes, das sie am Heck des Schiffes aufstellte. War das eine Dartscheibe auf einem Holzständer? Zwei Minuten später kam der kleine Junge zum Heck, gefolgt von dem größeren Jungen, der sich aufmerksam umsah. Alea duckte sich instinktiv, als er in ihre Richtung schaute, doch sobald sein Blick vorübergeglitten war, beugte sie sich wieder vor. Was machten die drei denn da? Langsam stand Alea auf und spazierte so unauffällig wie möglich näher an das Schiff heran, bis sie fast daneben stand. Sie konnte nun sogar hören, was gesprochen wurde. »Los!«, forderte Tess den Kleinen gerade auf und klebte etwas über die Dartscheibe. Eine Landkarte.

Der kleine Junge nahm einen Dartpfeil und warf ihn auf die Karte. Im nächsten Augenblick jubelte er. »Finnland! Da waren wir ja schon ewig nicht mehr!«

Der Größere antwortete: »Super gedartet, Sammy. Jetzt im Juni ist Finnland am schönsten.«

Alea staunte. Hatten die drei etwa mit einem Dartpfeil ihr nächstes Ziel festgelegt? Sie warfen einfach einen Pfeil auf eine Karte und segelten dorthin? Alea spürte, wie ihr Herz bei dieser Vorstellung schneller zu schlagen begann. Einfach drauflossegeln, mit dem Wind aufs Meer hinaus … frei sein. Alea hörte sich selbst seufzen.

In diesem Moment zog der ältere Junge auf einmal den Kopf ein. »Dahinten ist der Hafenmeister«, sagte er warnend zu den anderen. »Ich geh schnell hin und bezahle die Hafengebühr. Ihr haltet die Köpfe unten und lasst euch nicht blicken, verstanden?«

»Aye, aye, Käpten!«, erwiderten Tess und Sammy – der Kleine – und gingen auf Tauchstation. Doch gleich darauf hob Sammy noch einmal den Kopf. »Ben?«, rief er dem Großen hinterher. »Meinst du, an dem Kiosk dahinten kann man Schokoriegel kaufen?«

Der Junge, der anscheinend Ben hieß, blickte Sammy streng an. »Ich hab gesagt, Kopf runter!«

»Also ja?«, hörte Alea Sammys Stimme hinter der Reling.

»Nein!«, zischte Ben, sprang vom Schiff und lief zum Hafenmeister, um ihm die Gebühr zu geben. Alea schaute ihm dabei zu und schlussfolgerte, dass Ben offenbar der Älteste an Bord war. Oder befanden sich auch Erwachsene auf der Crucis, die sich noch nicht hatten blicken lassen? Tess und Sammy hatten Ben »Käpten« genannt, außerdem bezahlte er gerade die Hafengebühr. Alles deutete darauf hin, dass diese drei allein auf dem Schiff waren! Die Vorstellung faszinierte Alea. Tess schien nicht viel älter zu sein als sie selbst, vielleicht dreizehn, und Sammy war … neun oder zehn? Wie konnte es sein, dass sie ohne Eltern auf einem Segelschiff unterwegs waren? War so etwas überhaupt erlaubt?

Da begriff Alea, dass Ben wahrscheinlich genau deswegen gesagt hatte, die beiden Jüngeren sollten sich verstecken – damit dem Hafenmeister nicht auffiel, dass sich auf diesem Schiff keine Erwachsenen befanden …

Alea war nun regelrecht elektrisiert. Tess, Ben und Sammy segelten nicht nur, wohin der Dartpfeil sie gerade führte, sondern lebten außerdem ganz allein auf dem Schiff!

Da kam Ben zur Crucis zurück. »Unter Deck«, sagte er knapp zu den anderen beiden, die sich offenbar noch immer versteckt hielten, und Alea hörte es rumpeln und rascheln. Dann war alles still.

Mit fliegenden Gedanken setzte sich Alea auf eine kleine Mauer in der Nähe. Sie war plötzlich furchtbar aufgeregt. Es war schon immer ihr Traum gewesen, zu reisen, unterwegs zu sein, etwas von der Welt zu sehen. Wegen ihrer Krankheit hatte sie zwar nie von einem Schiff geträumt – ganz bestimmt nicht! –, aber das, was diese drei da allem Anschein nach machten, war genau das, was Alea sich insgeheim schon immer gewünscht hatte. Sie waren frei. Sie waren da draußen.

Alea ließ den Kopf in ihre Hände sinken und verlor sich in Tagträumereien, die sie davon abhielten, ständig ihr Handy zu überprüfen.

Innerhalb der folgenden fünf Stunden geschah gar nichts. Alea hockte auf der Kaimauer und stierte vor sich hin. Marianne meldete sich nicht, und aus Aleas Angst wurde langsam Panik. Sie hatte mittlerweile mehrere Male bei Marianne angerufen und zusätzlich Nachrichten geschickt, aber keine Antwort erhalten. Was war nur los? Marianne war doch wohl nicht etwa …

Alea sprang hektisch auf. Die Angst war auf einmal so stark, dass sie am liebsten geschrien hätte.

»Hey«, sagte plötzlich jemand. Alea fuhr herum. Sammy stand neben ihr! Er trug ihre meerblaue Schirmmütze. »Alles okay bei dir?«

Alea starrte ihn an. Er schleppte einen prall gefüllten Einkaufsbeutel über der Schulter. Offenbar war er im Supermarkt gewesen. »Äh, ja, alles okay«, erwiderte Alea schnell, obwohl gar nichts okay war.

»Na, dann …«, sagte Sammy, blickte sie noch einmal fragend an und kletterte flink wie ein Äffchen aufs Schiff.

Kaum, dass er unter Deck verschwunden war, ärgerte Alea sich, dass sie nicht irgendetwas anderes geantwortet hatte. Zum Beispiel: Mein Leben gerät gerade völlig aus den Fugen oder Ich hab so viel Angst, dass ich gleich anfange zu heulen. Das wäre die Wahrheit gewesen. Aber nein, so etwas würde sie nicht sagen – zu niemandem. Alea war es nicht gewohnt, sich anderen anzuvertrauen. Sie hatte nur wenige Freunde in der Schule, und darunter war niemand, mit dem sie je über ihre Ängste und Sorgen gesprochen hätte. Niemand, den sie jetzt, heute, hätte anrufen können. Sie war ganz allein.

Jetzt sah sie, dass sich auf der Crucis etwas tat. Sammy war mit einem Tablett an Deck gekommen und stellte es auf einem Tisch am Heck ab. Dort befand sich eine kleine Sitzecke, wo er nun Kissen auslegte und, zu Aleas Erstaunen, eine Lichterkette aufhängte. Tess folgte ihm und deckte den Tisch. Anscheinend wollten die drei an Deck zu Abend essen. Bei dem Gedanken rumorte es schmerzhaft in Aleas Bauch. Sie hatte furchtbaren Hunger.

Kurz darauf erschien Ben mit einem großen Topf, den er zum Heck trug und auf dem Tisch abstellte. Wachsam sah er sich um. »Der Hafenmeister müsste schon Feierabend gemacht haben«, überlegte er laut und setzte sich zu Sammy und Tess, die sich über den Topf hermachten.

»Nudelsuppe ist Bestsuppe!«, rief Sammy, und Tess sagte: »Ich mag Tomatensuppe lieber«, während sie sich mehrere Kellen Nudelsuppe auf den Teller schöpfte.

Alea konnte die Suppe riechen, und ihr wurde vor Hunger übel. Sie musste dringend etwas essen. In ihrer Geldbörse waren noch genau vierundsechzig Cent. Vielleicht hatte Sammy recht, und man bekam dafür am Kiosk einen Schokoriegel? Einen kleinen? Einen halben?

»Hallo, du!«, hörte sie auf einmal eine Stimme.

Alea blickte überrascht zur Crucis, denn von dort schien die Stimme zu kommen.

Ben stand an der Reling. »Hast du Hunger?«

Alea staunte ihn an. »Ich?«

»Ja, du siehst aus, als ob du gleich umkippst. Willst du was essen? Dann komm an Bord.«

An Bord kommen? Alea schnappte nach Luft, und ihre Gedanken überschlugen sich. Ja! Ja, sie wollte an Bord kommen!

Nein! Nein, auf keinen Fall.

»Das … geht nicht.«

»Warum nicht?« Ben sprang an Land und kam zu ihr.

Aleas Herz schlug schneller. Was sollte sie tun?

»Du kannst mit uns zu Abend essen, wenn du magst«, sagte Ben, der nun direkt vor Alea stand und sie musterte. »Du bist blass wie ein Gespenst. Ich glaube, du brauchst Nudelsuppe.«

Alea nickte langsam. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Nicht nur, dass er sie auf ein SCHIFF einlud! Man musste zu dem Schiff auch noch hinüberspringen! Zwischen der Anlegemauer und der Crucis klaffte ein Abstand von mindestens einem Meter. Was, wenn sie beim Springen ins Wasser fiel? Nein, nein, nein! Das Risiko war viel zu groß!

Ben fragte: »Wovor hast du Angst?«

»Davor, ins Wasser zu fallen.«

»Ach so!« Ben lachte. »Dann legen wir die Gangway aus.«

»Die Gangway?« Dieses Wort hatte Alea noch nie gehört.

»Das ist eine Art Holzplanke, die man zwischen das Schiff und das Ufer legen kann. Wir sind meistens zu faul, um sie rauszuholen. Für dich würden wir es aber machen.« Er lächelte. »Gangway!«, rief er Sammy zu, der an der Reling hing und neugierig zu ihnen herüberspähte. Sammy setzte sich in Bewegung, und kurz darauf verband eine Gangway die Crucis und das Festland. Eine Brücke. Alea starrte mit klopfendem Herzen auf das Ding. War es stabil? Würde es halten?

»Ich helfe dir«, sagte Ben und nahm ihre Hand. Behutsam zog er Alea zum Schiff. Sie folgte ihm mit zögerlichen Schritten, während in ihrem Inneren ein Kampf tobte. Etwas in ihr wollte unbedingt auf dieses Schiff. In den vergangenen Stunden hatte sie sich immer wieder dabei ertappt, wie sie sich vorgestellt hatte, sie würde selbst an Bord dieses Segelbootes leben. Doch das war dumm. Sie musste sich um jeden Preis von Wasser fernhalten! Kaltes Wasser war für sie lebensgefährlich. Auf ein Schiff zu gehen, war einfach völlig bescheuert.

»Okay«, flüsterte Alea und tat den ersten Schritt.

Nächste Leseprobe: Die Farbe des Meeres

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