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Leseprobe: Der Fluss des Vergessens

Sie setzte alles auf eine Karte und sprang in den Fluss, um der alten Frau mit der türkisfarbenen Haut zu folgen. Doch als sie die Oberfläche auf sich zukommen sah, fragte sie sich plötzlich, ob das nicht eine hochgradig bescheuerte Idee gewesen war. Einen Moment später stürzte sie ins Wasser, und es schlug über ihrem Kopf zusammen. Kaltes Grauen ergriff Besitz von ihr. Würde sie ertrinken?

Vergessen

Alea erwachte mit einem seltsamen Gefühl, das sich in den wenigen Augenblicken zwischen Traum und Wirklichkeit in herzrasendes Erschrecken verwandelte. Kerzengerade fuhr sie in die Höhe. Ihr Herzschlag pochte laut und schnell in ihren Ohren, und mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie, sich zu orientieren. Was war geschehen? Wo war sie?

Hektisch sah sie sich um. Sie befand sich in einer kleinen Kajüte in der unteren Koje eines Stockbettes. Alea griff sich an den Kopf. Es war schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Bilder, Wörter, Gesichter … alles wirbelte durcheinander wie in einem tosenden Orkan. Angestrengt rieb sie sich die Schläfen. Eines der Wörter, die sich in ihrem Kopf drehten, war Crucis. Sie konzentrierte sich darauf. Natürlich!, dachte sie im nächsten Moment. Ich bin auf der Crucis!

Am Tag zuvor hatte Alea dieses alte Segelschiff zum ersten Mal betreten, nachdem sie stundenlang auf einer Bank am Hamburger Hafen gesessen und darauf gewartet hatte, dass Marianne anrief. Ihre Pflegemutter war gestern wegen eines Herzinfarktes mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus eingeliefert worden, und für Alea waren die Ereignisse ein absoluter Albtraum gewesen. Nicht nur, dass sie Marianne furchtbar lieb hatte und sich schreckliche Sorgen um sie machte. Alea befürchtete auch, zu einer neuen Pflegefamilie geschickt zu werden, und hatte sich zunächst nicht getraut, ins Krankenhaus zu fahren. Denn womöglich wartete dort jemand vom Jugendamt auf sie …

Alea massierte sich die Stirn und versuchte, aus dem Durcheinander in ihrem Kopf die Puzzlestücke herauszufischen, die ihr am ehesten helfen würden, ein Gesamtbild zu erkennen. Ja, sie hatte voller Angst auf dieser Bank gesessen, und dann … dann war die Crucis in den Hafen eingefahren. Zwei Jugendliche und ein etwa neunjähriger Junge waren von Bord geklettert und hatten vor einem nahe gelegenen Café Straßenmusik gemacht. Verdammt gute Musik. Alea erinnerte sich genau an den Song und an Tess’ Stimme …

Ja, Tess! Das Mädchen mit der Rockröhre hieß Tess, und die beiden Jungs waren Brüder. Ben und Sammy. Langsam klärten sich Aleas Gedanken, und die durcheinandertobenden Informationen kreisten nicht mehr ganz so wild umher.

Ben hatte Alea zum Abendessen auf das Schiff eingeladen, und obwohl sie normalerweise nicht so schnell neue Freundschaften schloss, war sie an Bord gegangen. Irgendetwas an diesem Schiff und dem ungewöhnlichen Trio gefiel ihr. Sie hatten sich unterhalten. Die drei waren eine Bande und nannten sich die Alpha Cru, wegen irgendeines Sternbildes. Sammy wollte, dass Alea ebenfalls Mitglied wurde, und so hatten sie das Aufnahmeritual gemacht – eine Sache, die allen überraschend ernst gewesen war. Und durch das alte lateinische Buch hatte Alea ihren Bandennamen Aquarius erhalten.

Alea Aquarius.

Der Name verursachte ein Kribbeln in ihrem Nacken. Er klang … groß. Wichtig. Und dabei war er doch nur Teil eines Spiels. Oder etwa nicht?

Alea erinnerte sich, dass sie der Cru von ihrer Pflegemutter und dem Infarkt erzählt hatte, woraufhin sie zusammen ins Krankenhaus gefahren waren. Niemand vom Jugendamt war dort gewesen, niemand hatte etwas von einer neuen Familie gesagt. Alea hatte unbehelligt mit Marianne sprechen können, die sich während der kommenden Wochen schonen und wahrscheinlich eine Reha machen musste. Für die Dauer der Sommerferien durfte Alea bei der Alpha Cru bleiben. Wenn im August jedoch in Hamburg die Schule wieder begann, würde Alea in ihr normales Leben mit Marianne zurückkehren.

Alea zog die Augenbrauen zusammen. Hatte Marianne ihr wirklich erlaubt, mit der Alpha Cru zu segeln? Die Ereignisse des vergangenen Abends lagen halb verschüttet unter dem Geröllhaufen, den der Gedanken-Orkan in ihrem Kopf hinterlassen hatte, und alles wirkte eigenartig undeutlich. Was war nur mit ihr los?

Leise schlüpfte Alea unter ihrer Bettdecke hervor und schaute aus dem Bullauge der Kajüte. Sie waren noch immer im Hamburger Hafen, genau dort, wo die Crucis gestern angelegt hatte.

Ein zartes Schnaufen erklang. In der oberen Koje des Stockbettes lag Tess. Natürlich, sie teilten sich ja die Mädchenkajüte! Ihre Zimmerkameradin schlief noch tief und fest, und Alea konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie zu betrachten. Tess hatte schokoladenbraune Haut, Dreadlocks und schöne Hände, die aussahen, als könnten sie ordentlich zupacken. Im Schlaf erschien die Piratenprinzessin, wie Sammy sie gestern immer wieder genannt hatte, viel verletzlicher als bei den Gesprächen, die sie am Tag zuvor geführt hatten. Da hatte Tess sehr tough gewirkt und Alea mit ihrer Lässigkeit beeindruckt. Im Gegensatz dazu empfand Alea sich selbst als ziemlich linkisch und unbeholfen und war bestimmt noch nie von jemandem für irgendetwas bewundert worden. Außer vielleicht für ihre Mode-Ideen. Ihr Styling fanden manche Leute cool, das wusste Alea. Dabei war es um so vieles eindrucksvoller, wenn man eine tolle Persönlichkeit hatte anstatt nur ein tolles Outfit.

Alea lächelte die schlafende Tess an. Sie hoffte, dass dieses Mädchen, das bestimmt auf jedem Schulhof wie keine Zweite aus der Menge herausstach, ihre Freundin werden würde.

Auf Zehenspitzen schlich Alea aus der Kajüte in den Salon der Crucis. Als sie die Tür hinter sich zuzog, wurde ihr schwindelig, und sie musste sich an der Klinke festhalten.

»Ahoi!«, hörte sie Sammy rufen. Sammy hieß mit vollem Bandennamen Samuel Draco – eigentlich Samuel Walendy – und war das jüngste Bandenmitglied. Der Neunjährige kam barfüßig herangehüpft. »Ist dir auch schlecht? Ben hat grade gekotzt!«

Der Schwindel verschwand nur langsam, und Alea traute sich kaum, die Klinke loszulassen. »Irgendwie bin ich ganz durchgerüttelt.«

»Morgen.« Ben kam aus dem Bad. Sein Gesicht war kalkweiß. »Ich hab einen tierischen Brummschädel«, grummelte er und ließ sich stöhnend auf der Couch nieder.

»Sag mal …«, Sammy musterte Alea, »hattest du gestern nicht hellere Augen? So ein krasses Grün?«

»Ich …« In Aleas Kopf hakte etwas, und sie konnte nicht genau sagen, was sie eigentlich für eine Augenfarbe hatte.

Detektivisch reckte Sammy den Kopf vor und hätte wahrscheinlich eine Lupe gezückt, wenn eine da gewesen wäre. »Im Ernst, deine Augen sind heute dunkler als gestern!«

»Hör mit dem Quatsch auf, Sammy«, kam es von der Couch. »Mach mir lieber ein Käsebrot. Ich hab echt Hunger.«

Das hörte Sammy wohl nicht. »Du hast aber zum Glück noch immer dieses wundersame Märchengesicht«, sagte er zu Alea. »Dunkle Haare, blasse Haut und rote Lippen wie Schneewittchen – ein absolutes Wunderwittchen!«

Ben warf ein Kissen nach Sammy. Der lachte und ließ sich neben Ben auf die Couch fallen. Ben verpasste ihm eine Kopfnuss. Doch dann zog er seinen kleinen Bruder in die Arme, und Sammy schmuste sich wie ein Kätzchen an ihn.

Alea staunte ein bisschen. Sie hatte noch nie erlebt, dass Jungs derart ungeniert herumkuschelten.

Ben streichelte Sammy über den Kopf. »Sag mal, sind deine Haare seit gestern länger geworden?«

»Klar, sie wachsen jeden Tag!«, erwiderte Sammy. »Aber mein letzter Schnitt ist echt noch nicht long hair!«

Alea lachte, und Sammy strahlte sie an.

Jetzt nahm Sammy Bens Rockstar-Frisur genauer ins Visier. »Deine Friese ist allerdings ziemlich kurz! Als hätte ich sie dir vor nicht allzu langer Zeit erst gemäht.« Während Alea wieder lachen musste, wuschelte Sammy Ben fachkundig durch die Haare. »Wahrscheinlich liegen sie heute nur besonders gut.«

Tess kam aus der Mädchenkajüte geschlurft. »Bonjour«, murmelte sie in schnodderigem Tonfall und gähnte.

»Hast du auch Kopfweh?«, überfiel Sammy sie.

Mit einer lässigen Bewegung ließ Tess sich auf das gegenüberliegende Sofa fallen, trank aus einem herumstehenden Glas und verschränkte die Arme. Erst dann antwortete sie. »Nö.«

Sammy stieß einen verträumten Seufzer aus. »Guck dir das an, Schneewittchen!«

Das tat Alea. Tess trug eine Jogginghose mit Sternchen und ein rosafarbenes Schlafshirt, aber allein ihr selbstbewusster Blick und ihre aufrechte Körperhaltung machten klar, dass man kein Mäuschen vor sich hatte.

»Ist unser Tesselchen nicht einfach spektakulös anschwärmenswert?«, säuselte Sammy. »Ich bin total verliebt!«

Tess verdrehte die Augen und band unbeeindruckt ihre Dreadlocks zu einem hohen Zopf zusammen. »Wer hat denn Kopfweh?«, erkundigte sie sich mit ihrem leichten französischen Akzent.

»Ben und Schneewittchen«, informierte Sammy sie. »Ben braucht ein Käsebrot.«

Tess nickte beiläufig, erhob sich und ging zur Küchennische hinüber, offenbar, um Ben ein Käsebrot zu machen. Einen Augenblick später fragte sie: »Wer hat denn den Käse gekauft?« Reklamierend hielt sie ein Stück Edamer in Bens Richtung. »So einen holen wir doch grundsätzlich nicht, weil Draco keinen Käse mit Löchern mag …«

Ben schien verwundert. »Also, ich hab den nicht gekauft.«

»Aber du bist im Laden gewesen!« Kopfschüttelnd schmierte Tess ihm das Brot und setzte zwischendurch Teewasser auf.

»Ich möchte bitte einen Kakao mit Schlagsahne und Schokostückchen.« Sammy schenkte Tess ein breites Frechdachslächeln. Allerdings reagierte Tess nicht darauf, sondern brummte nur etwas auf Französisch und hantierte geschäftig herum.

Alea ging erst einmal aufs Klo und wusch sich in dem winzig kleinen Badezimmer des Schiffs das Gesicht. Als sie ihr Spiegelbild sah, erschrak sie. Ihre Augen waren tatsächlich dunkel, irgendwie grau. Aber waren sie das denn nicht schon immer gewesen? Irgendetwas stimmte nicht mit ihrem Kopf. Es konnte doch nicht sein, dass sie nicht wusste, welche Augenfarbe sie hatte!

Als sie aus dem Bad trat, reichte Tess Ben gerade ein Edamerkäsebrot und einen Becher mit dampfendem Tee. Für Sammy hatte sie Kakao gemacht. Der war zwar ohne Schlagsahne, aber es verwunderte Alea dennoch, dass die coole Piratenprinzessin allem Anschein nach eine fürsorgliche Seite hatte.

Da drückte Tess auch ihr einen Becher mit Tee in die Hand.

Überrascht lächelte Alea. »Danke.« Sie fand es spannend, dass die drei so ungewöhnlich waren. Sammy sah mit seinem wilden roten Haarschopf, den Sommersprossen und seiner Zahnlücke wie ein typischer Lausebengel aus. Er war bestimmt auch einer, aber vor allem war er … echt. Ein bisschen verrückt. Irgendwie übergeschnappt. Außerdem schien er ganz viel Liebe im Herzen zu tragen, die immer wieder aus ihm herausschwappte wie aus einer überlaufenden Wanne voller Wunderbarkeiten.

Ben war ohne Frage der ruhende Pol der Cru. Alea hatte das Gefühl, dass man sich hundertprozentig auf diesen Skipper verlassen konnte, der auf den ersten Blick aber gar nicht so vernünftig wirkte, sondern eher wie ein ungezähmter Wind-und-Wetter-Posterboy. Ben schien nach seinen eigenen Regeln zu leben und sich von dem, was normal war, nicht einschränken zu lassen.

Alea mochte die Alpha Cru. Sie war … anders. Und das traf auch auf sie selbst zu. Zugegebenermaßen war ihr behütetes Dasein im Vergleich zu dem abenteuerlichen Seefahrerleben dieser drei total langweilig. Aber Alea hatte sich in den engen Strukturen der Großstadtwelt noch nie so richtig wohlgefühlt, sondern vielmehr wie ein Bild, das in keinen Rahmen passte. Außerdem war da schon immer dieses sehnsüchtige Fernweh in ihr gewesen, das sie bereits als Kleinkind von unentdeckten Orten und fremden Ländern hatte träumen lassen. Fürs Reisen war jedoch nie genug Geld da gewesen, und Alea hatte noch nicht viel von der Welt gesehen.

Sie trank einen Schluck Kräutertee. Der tat ihrem Magen gut, aber an der sonderbaren Verwirrung in ihrem Kopf änderte sich trotzdem nichts. »Ich weiß gar nicht mehr so genau, was ich gestern alles mit Marianne besprochen habe«, sagte sie und hoffte, die anderen könnten ihr helfen. »Hat sie mir ihre Zustimmung gegeben, mit euch den Sommer zu verbringen?«

»Ja, klar!«, erwiderte Ben sofort.

Tess zog eine Augenbraue in die Höhe, als wäre sie sich da nicht so sicher.

»Du segelst den ganzen Sommer mit uns?« Sammy sprang auf. »Das ist ja der Hammer!«

»Das hörst du gerade zum ersten Mal?«, hakte Alea nach, während Ben etwas irritiert dreinschaute.

»Ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht sicher.« Sammy hob die Achseln. »Gestern ist … ganz schön weit weg.«

Tess guckte ihn an, als merkte sie gerade, dass er damit recht hatte. Mit nach innen gerichtetem Blick ließ sie sich neben Ben auf der Couch nieder.

Alea hatte das Gefühl, dass sie lieber Marianne anrufen und sie selbst fragen sollte. Ihr Handy lag auf dem Couchtisch. Als sie jedoch Mariannes Nummer wählte, kam keine Verbindung zustande. »Mist, ich habe kein Netz.« Außerdem wurden noch nicht einmal die Uhrzeit und das Datum angezeigt.

»Mitten im Hamburger Hafen hast du keinen Empfang?«, wunderte sich Tess und schaute sich nach ihrem eigenen Handy um. Sie fand es auf der kleinen Fensterbank unter dem Bullauge. »Da lege ich es nie hin!«, rief sie verdutzt. »Wenn das Bullauge geöffnet ist, kommt manchmal Spritzwasser rein! Wer hat es dahin getan?«

Niemand antwortete.

»Das ist … komisch«, stellte Ben fest.

»Finde ich auch.« Tess runzelte die Stirn. »Weiß übrigens jemand, wo die Äpfel sind?«

Alea hatte keine Ahnung, wovon sie sprach.

»Gestern stand noch ein ganzer Sack Äpfel in der Küchenecke«, klärte Tess sie auf. »Heute ist aber kein einziger Apfel mehr da. Stattdessen liegen da Kartoffeln.«

»Was? Die Äpfel sind weg?« Alarmiert setzte Ben sich auf. »Ist jemand an Bord gewesen, während wir geschlafen haben?« Er kratzte sich am Kopf. »Aber wieso sollte jemand unsere Äpfel klauen und stattdessen Kartoffeln hinlegen?«

»In der Küche sind einige Sachen merkwürdig, nicht nur das mit den Äpfeln und dem Käse.« Tess wirkte ein klein wenig beunruhigt. »Im Schrank stehen französisches Mehl und französischer Zucker – keinen Schimmer, wo die herkommen. Davon abgesehen ist der Schmutzwäschekorb voll, obwohl wir vorgestern erst gewaschen haben und er leer sein müsste.«

Ben blickte sie an, als könnte das doch gar nicht sein.

Alea wusste nicht, was sie davon halten sollte.

»Ich hab’s!«, rief Sammy unvermittelt. »Wir haben einen Klabautermann an Bord!«

»Einen was?«, fragte Tess.

»Einen Klabautermann!« Plötzlich war Sammy ganz aufgeregt. »Das ist ein Schiffsgeist, ein Kobold, der üblen Schabernack veranstalten kann. Er hat jede Menge Zaubertricks drauf!«

»Zaubertricks?«, wiederholte Tess. Ihr stand ins Gesicht geschrieben, dass sie das für kompletten Unsinn hielt. »Und so ein Klabautermann soll also die Äpfel verschwinden lassen und dafür die Kartoffeln und Schmutzwäsche hergezaubert haben?«

»Ja!« Sammy schien den beißenden Sarkasmus in Tess’ Worten einfach zu überhören. »Das sind typische Scherze eines Klabautermanns. Er versteckt nicht nur gern Sachen, sondern benutzt mit Vorliebe seine Koboldmagie, um die Schiffsbesatzung an der Nase herumzuführen.«

»Koboldmagie …«, sagte Tess in einem Tonfall, als müsste Sammy doch selbst hören, wie verrückt das klang.

Der ließ sich aber nicht von der Idee abbringen. »Wir haben wohl einen echt ausgebufften Vertreter seiner Art an Bord!«

Tess stöhnte vielsagend.

Ben nickte jedoch. »Wenn das auf das Konto eines Klabautermanns geht, müssen wir versuchen, ihn zu beschwichtigen.«

Tess stieß ein Verwunderungsgeräusch hervor. »Du nimmst diesen Quatsch ernst?«

»Klabautermänner sind kein Quatsch«, entgegnete Ben. »Seit jeher berichten Seefahrende von ihnen, und erst in neuerer Zeit wurden sie als Aberglaube abgetan. Vorher waren Klabautermänner für alle Seeleute etwas Normales.«

»Zum Glück wissen wir, wie man einen Klabautermann freundlich stimmen kann!«, fiel Sammy ein. »Man muss ihm jeden Tag ein Schüsselchen mit Essen hinstellen und ihm zeigen, dass er willkommen ist. Das besänftigt ihn.«

Ben brach ein Stück von seinem Käsebrot ab und legte es auf die Fensterbank. »Für dich, Kobold!«

Entgeistert starrte Tess ihn an. »Das hast du gerade nicht wirklich getan …«

Ben lachte. »Doch. Und vielleicht bringt es was.«

Sammy nickte heftig, und Alea fragte sich, warum sie nicht ebenfalls so entgeistert war wie Tess. Sie hatte in der Schule gelernt, dass der Osterhase, der Weihnachtsmann und sämtliche Fabelwesen nicht real waren. Trotzdem ergab die Theorie mit dem Klabautermann für sie irgendwie Sinn.

»Könntest du mal versuchen, ob du Empfang hast?«, bat sie Tess nun mit Blick auf deren Handy.

»Stimmt, ich wollte ja versuchen, deine Pflegemutter für dich anzurufen.« Tess ließ sich Mariannes Nummer geben, doch mit ihrem Handy kam ebeso wenig eine Verbindung zustande. »Nicht mal die Uhrzeit wird angezeigt!«, stellte sie fest. »Mein Kalender und meine Wetter-App sind auch off. Steckt da auch der Klabautermann dahinter?«, setzte Tess spitz hinzu. »Warte, ich versuche mal, meinen Vater anzurufen.« Das klappte jedoch genauso wenig, wie zu Tess’ Mutter eine Verbindung aufzubauen.

»Mist«, knurrte Ben. »Ich würde es mit meinem eigenen Handy ja auch mal versuchen, aber ich kann es nicht finden.«

»Das hat der Klabautermann bestimmt versteckt!«, kommentierte Sammy. »Dieser Kobold ist echt ein Profi.«

Alea war mit den Gedanken allerdings bei ihrer Pflegemutter. »Wenn wir Marianne nicht anrufen können, woher soll ich dann wissen, wie es ihr heute geht?«

Ben schien zu verstehen, wie dringend Alea von ihrer Pflegemutter hören wollte. »Wie wäre es, wenn wir noch mal zusammen zum Krankenhaus fahren?«

»Oh, das wäre toll!« Der Gedanke, sich allein auf den Weg zum Krankenhaus zu machen, war Alea überaus unangenehm, denn sie hatte Angst vor dem, was sie womöglich dort erwartete. »Ihr würdet wieder mitkommen?«

»Klaro!« Sammy umarmte Alea. »Knuddel mich!«, verlangte er, obwohl es offensichtlich war, wer hier geknuddelt werden musste.

Ben kam hinzu und schloss Alea und Sammy in seine starken Arme. Mit Blick auf Tess johlte Sammy: »Gruppenkuscheln!«

Tess hatte allerdings auf einmal etwas sehr Wichtiges in der Küche zu tun und huschte davon.

»Sie ist halt nicht so der Knuddeltyp.« Sammy drückte Alea und Ben umso fester an sich.

Einen kleinen Moment lang erlaubte sich Alea, von den Jungs gehalten zu werden. Dann löste sie sich aus der Umarmung, da sie es nicht gewöhnt war, jemandem für länger als ein paar Sekunden so nahe zu sein.

Doch Sammy wirkte sehr zufrieden. »Du gewöhnst dich schon noch an das Geschmuse«, sagte er breit lächelnd. »Ich spüre es genau: Dein Herz ist wie ein Schwamm, der sich mit Liebe vollsaugen will!«

Alea lächelte schief, denn sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Außer Marianne hatte es in ihrem Leben bisher niemanden gegeben, der sie lieb gehabt hatte. Dass dieser einzigartig bekloppte Neunjährige so schnell von Liebe sprach, war zwar merkwürdig, aber auch schön.

Sammy klatschte in die Hände. »Fahren wir in die Stadt!«

»Wir sollten zuerst hier am Hafen einen Straßengig machen.« Ben hielt ihnen seine nahezu leere Geldbörse hin. »Dann können wir uns auch Tickets für die S-Bahn leisten.«

Tess schnappte nach Luft. »Wo ist denn das ganze Geld hin, das wir gestern verdient haben?«

»Weg.« Bens Blick wanderte an Tess vorbei zu dem Käsebrot auf der Fensterbank. Er musste gar nicht laut aussprechen, dass er offenbar glaubte, ihr Klabautermann hätte das Geld genommen. »Wer weiß, was hier noch alles verschwunden ist …«

Tess murmelte irgendetwas Französisches in sich hinein. Dann sagte sie auf Deutsch: »Gut, dann lasst uns auftreten, bevor wir uns auf den Weg zum Krankenhaus machen.«

Alea war auf einmal ganz aufgeregt. Sie hoffte, dass keiner der anderen sie fragen würde, ob sie ein Instrument beherrschte oder singen konnte. Sie spielte schon seit Jahren auf Weingläsern, der sogenannten »Wasserharfe«, und auch singen konnte sie ein bisschen. Aber sie hatte die Alpha Cru gestern gehört und wusste, wie gut sie waren. Damit konnte sie keinesfalls mithalten, ganz abgesehen davon, dass ihre Gläser sich zu Hause in Mariannes Wohnung befanden.

»Ich gehe während eures Auftritts rum und sammle Geld ein«, beeilte Alea sich vorzuschlagen.

»Okay«, stimmte Ben zu. »Es bringt bestimmt noch mal extra Einnahmen, wenn jemand einen Hut hinhält.«

Tess stand auf. »Dann ziehen wir uns mal was Schönes an!«

Alea konnte sich vorstellen, dass Tess bestimmt großen Wert auf ihr Äußeres legte. »Du hast garantiert total viel Erfahrung mit Styling.«

»Nee, der wahre Styling-Fanatiker ist Draco!«, wehrte Tess ab. »Der steht immer viel länger vor dem Spiegel als ich.«

Sammy lächelte breit. »Ich bin absoluter Experte, wenn es um den Ausdruck des freakigen Inneren im Äußeren geht«, ließ er sie wissen. »Allerdings habe ich den Eindruck, dass Alea mir eventuell den Rang als Outfit-Genie streitig machen könnte. Deine abgeschnittenen Handschuhe finde ich zum Beispiel saucool, Schneewittchen.«

»Wo sind die eigentlich?« Alea blickte auf ihre nackte Hand. Schlagartig erfasste sie eine Welle der Traurigkeit – ein unerklärlich tiefes Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht. Etwas fehlte. Und es waren nicht nur die Handschuhe.

»Ich hab doch gesagt, dass Draco ein Fanatiker ist«, seufzte Tess.

»Ich kann aber auch anders!«, konterte Sammy. »Wie wäre es, wenn wir heute in genau den Klamotten auftreten, die wir gerade anhaben?«

Tess stutzte und sah an sich, ihrem ausgeleierten T-Shirt und der Sternchen-Jogginghose hinab. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Klar, warum nicht.« Das war der Gipfel der Lässigkeit.

Im Vergleich dazu wollte Alea nicht spießig wirken. »Ich bin auch dabei.« Sie hatte allerdings in ihrer Jeans geschlafen, und die Überwindung war nicht allzu groß.

Ben hatte sich heute Morgen schon umgezogen. Sammy hingegen lief in einer abgetragenen, lilafarbenen Trainingshose herum. Begeistert blitzte er Tess an. »Wir zwei können hier und heute beweisen, dass wahrer Glamour von innen kommt, Piratenprinzessin«, wisperte er. »Viva la Gammel-Look!«

Das brachte Tess zum Lachen.

Alea grinste. »Ihr seid echt komische Vögel«, rutschte es ihr heraus. Dabei meinte sie das eigentlich im besten Sinne.

Ben verstand es wohl auch so. »Das sind wir.« Beinahe klang er ein bisschen stolz. »Und zwar gerne!«

»So was von gerne!«, gab Sammy ihm recht und strahlte von einem Ohr zum anderen.

»Viva los komische Vögel!«, sagte Tess grinsend.

Ben brach in lautes Gelächter aus, und Sammy fiel ein. Alea und Tess grinsten sich an, dann lachten sie mit den beiden mit.

Es war ein solch schöner, unbeschwerter Moment, dass Alea für einen winzigen Augenblick alles andere vergaß – die Sorge um Marianne, das seltsame Chaos in ihrem Kopf und die Merkwürdigkeiten an Bord. Sie war nun Teil der Alpha Cru und fühlte sich so willkommen geheißen und gut aufgehoben, dass sie sich fragte, wie sie es jemals ohne wahre Freunde in ihrem Leben ausgehalten hatte. Nun wusste sie, wie sich Freundschaft anfühlte, und wollte sie nie wieder missen. Vielleicht musste sie das aber auch gar nicht. Vielleicht waren Sammy, Ben und Tess Freunde fürs Leben.

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